25 Jahre DIE WELT – Vermächtnis von gestern, Verpflichtung für morgen




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25 Jahre DIE WELT – Vermächtnis von gestern, Verpflichtung für morgen

Erschienen in DIE WELT am 2. April 1971.

Zeitungen sollen zwar an der Politik teilhaben, aber keinesfalls Politik machen. Zeitungen haben die Politik zu begleiten, zu erklären, sie zu kritisieren, sie zu fördern. Zeitungen haben zu warnen und Anregungen zu geben. Sie haben eine Meinung zu haben, die der einzelne mag oder nicht mag. Aber die Zeitungen dürfen nicht die Politik ersetzen wollen. Dies würde zur Zersetzung der Politik führen.

Diese Deutung der Aufgabe einer Zeitung findet sich in meiner Einweihungsrede für das Verlagshaus an der Berliner Mauer, in dem unter anderem auch die Berliner Ausgabe der Welt hergestellt wird.

Wenn eine Zeitung ein Jubiläum feiert, liegt die Frage auf der Hand, ob sie bisher den rechten Weg gegangen ist und ob sie sich heute auf dem rechten Wege befindet. Eigentlich sind 25 Jahre dafür eine viel zu kurze Spanne Zeit. Ein Vierteljahrhundert erlaubt noch kein Urteil über Wert und Qualität einer Zeitung. Der völlige Neuanfang, der nach der Zerstörung einer freien Presse in Deutschland nötig wurde, mag eine Begründung dafür sein, dieses Jubiläum doch zu begehen.

Also die erste vierseitige Nummer der Welt am 2. April 1946 erschien, gab es hier und dort in Deutschland schon einige wenige lizenzierte Zeitungen. Die Welt ragte über diese weit hinaus. Das war zu einem großen Teil das Verdienst der Engländer, die damals das Gesicht der Zeitungen weitgehend beeinflußten.

Blendender Journalismus zeichnete das Blatt aus, eine Fülle von Informationen wurde auf dem knappen Platz geboten. Aber das Wichtigste: von Anfang an war die Welt, ähnlich wie die ihr verwandte Neue Zeitung in der amerikanischen Zone, nicht etwa ein Sprachrohr der Besatzungsmacht, sondern ein objektives Informationsblatt unter der Devise "Die Nachricht ist heilig".

Es ist hier nicht der Ort, die Geschichte der Welt zu schreiben, die von Anfang an, auch als sie noch unter britischer Kontrolle stand, eine deutsche Zeitung war. Zwei Namen aber aus diesen 25 Jahren seien hier erwähnt, stellvertretend für viele.

Da ist einmal Heinrich Schulte, dessen großes verlegerisches Können die Zeitung und ihren Verlag durch die Wirrnisse der ersten Nachkriegszeit gesteuert und dessen Weitblick den Aufstieg zum Weltblatt ermöglicht hat.

Und da ist Hans Zehrer, den die Engländer aus seinem Refugium auf Sylt holten, um ihm die Chefredaktion anzutragen. Zehrer gab dem Blatt schon in der Planungsphase die Struktur. Dem Einspruch einiger Sozialdemokraten unter Führung von Erich Klabunde folgend, ließen ihn die Engländer dann noch vor Erscheinen der ersten Ausgabe fallen. Als aber die Welt 1953 ganz in deutsche Hände überging, war es für mich eine Selbstverständlichkeit, diesem begnadeten Journalisten die Chefredaktion zu übertragen.

Die Welt hat in all den Jahren die Politik begleitet, darüber berichtet, kommentiert. Sie hat Stellung bezogen, aber auch Stellungswechsel vorgenommen, wenn sie das für richtig hielt – zur Freude oder zum Verdruß manchen Lesers. Nie aber hat diese Zeitung sich einer Gruppe, einer Partei, einer Richtung allein verpflichtet gefühlt. Diese Zeitung war und ist unabhängig, was allerdings nie und nimmer identisch ist mit neutral.

Im Gegenteil: diese Zeitung hat sich immer mit Verve für das eingesetzt, was sie für richtig hielt; sie hat keine falsche Rücksicht genommen, und sie wird auch in Zukunft so verfahren.

Die vier politischen Grundsätze, die in den Statuten des Verlagshauses Axel Springer verankert sind, galten für die Welt schon, ehe sie niedergeschrieben wurden. Sie werden weiterhin den Standort dieser Zeitung bestimmen.

Sie wird Stellung nehmen gegen alle, die auf die Wiedervereinigung in Freiheit verzichten, die lau sind gegenüber dem Schicksal der Juden, also auch gegenüber dem Staat Israel, die blind sind gegenüber einer der beiden Spielarten des politischen Extremismus oder die das System der sozialen Marktwirtschaft umformen wollen in eine sozialistische Marktwirtschaft. Kurz: gegen alle, die Scheuklappen aufsetzen, wen sie von der Freiheit sprechen.

Diese Zeitung wird nie und nimmer den Versuch unternehmen, selbst Politik zu machen. Aber sie wird auch nie und nimmer aufhören, die Politik zu fördern und zu fordern, die sie für richtig hält. Das ist das Vermächtnis derer, die das Blatt gegründet und geführt haben. Aber das ist auch die Verpflichtung gegenüber unseren Lesern, denen von heute und denen von morgen.