Berlin, 6. Oktober 1966




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Berlin, 6. Oktober 1966

Am 6. Oktober 1966 wurde das Berliner Verlagshaus Axel Springer seiner Bestimmung übergeben. An der Feier nahmen mehr als 560 Ehrengäste teil, u.a. Bundespräsident Heinrich Lübke, der Regierende Bürgermeister Willy Brandt und Vizekanzler Erich Mende. Ernst Lemmer verlas als Beauftragter des Bundeskanzlers in Berlin einen Brief Konrad Adenauers. Aus Axel Springers Rede ist hier ein Auszug wiedergegeben.

Der heutige 6. Oktober ist für uns, die wir dieses Haus in sieben langen Jahren errichteten, ein großer Tag. Wenn ich sage, ein großer Tag, so bedeutet das beileibe nicht: ein rundum glücklicher Tag. Wer ein Haus baut auf einem Grundstück, dessen 410 Meter lange Begrenzungsmauer die grauenhafteste Absurdität ist, die Europa aufzuweisen hat, und die tagaus, tagein daran erinnert, daß wir in einem geteilten Land leben, dem ist nicht nach Jubel zumute. Selbst dann nicht, wenn er seinem Schöpfer dafür dankbar ist, daß er gerade hier bauen durfte und konnte.

Die Geschichte des Baues ist schnell erzählt: An einem überheißen Sonnentag, am 25. Mai 1959, wurde hier, zwei Tage vor Ablauf des Chruschtschow-Ultimatums, der Grundstein gelegt.

Sie, Herr Regierender Bürgermeister, nannten damals die Grundsteinlegung ein Symbol dafür, daß Berlin nicht allein gelassen worden ist, als es sich darum handelte, einer neuen Drohung zu widerstehen; als es sich darum handelte, sich nicht zu Sklaven und Opfern des neuen Vorstoßes zu machen.

Und Sie, Herr Minister Lemmer, sagten, daß wir nach Berlin gekommen wären, um hier ein Bekenntnis zur Unvergänglichkeit unseres Landes abzulegen.

Als wir damals ganz nahe dem geographischen Mittelpunkt der ganzen Stadt Berlin den Grundstein legten, geschah dies noch an der relativ harmlosen Sektorengrenze; wir ahnten damals lediglich, daß uns noch schwere Ereignisse bevorstanden. Eines ließ nicht lange auf sich warten, und ein echtes Erschrecken erfaßte uns, als am 13. August 1961 hier unmittelbar vor unseren Augen an einem Sonntagmorgen die weltberüchtigte Mauer aufgerichtet wurde. Mitten im Bau begriffen, gerade nach Beendigung des ersten technischen Bauabschnittes, sah ich mich plötzlich vor die Frage gestellt: Weitermachen oder sich zufriedengeben mit dem bisher Erbauten? Das bisher Erbaute als eine Außenstelle des Druckhauses Tempelhof verstehen und die Hauptproduktion dort belassen? Eine Lösung, die bis auf den heutigen Tag, kaufmännisch gesehen, sicher vorteilhafter gewesen wäre. Die zusätzlichen Lasten tragen wir heute wie morgen aus politischen Gründen. Nur mit dem Blick auf die Zukunft mag dieser Bau auch wirtschaftlich gerechtfertigt sein. Damals war der Entschluß nicht leicht, aber er hieß: weitermachen!

(…)

Bestärkt in unserer Zuversicht fühlten wir uns alle in jenen Tagen durch die feste Haltung des Präsidenten der Vereinigten Staaten in der Kuba-Krise. Einen vorläufigen Höhepunkt während der Bauzeit erlebte die Kochstraße und mit ihr unser Neubau, als im Juni 1963 John F. Kennedy Berlin besuchte und Sie, Herr Regierender Bürgermeister, zusammen mit Bundeskanzler Konrad Adenauer den Präsidenten auf unser Haus aufmerksam machten mit seinen Spruchbändern "Here at the Wall Hope, Confidence and Faith Build Largest Press Quarters". Zurückgekehrt nach Washington, schrieb uns der amerikanische Präsident:

"Ich war zutiefst beeindruckt, als ich an Ihrem großen Vorhaben an der Mauer vorbeifuhr. Man kann gar nicht anders, als die Entschiedenheit und den Mut zu bewundern, an dieser Stelle Ihr Gebäude zu errichten..."

Drei weitere Jahre intensiver Bautätigkeit gingen ins Land. Heute sind Hochhaus und technischer Trakt fertiggestellt, und wir übergeben sie ihrer Bestimmung. (…)

Vielleicht waren es die Berliner Taxifahrer, jene liebenswerten, hellwachen und schlagfertigen Bürger unserer Stadt, die das Zeitungsviertel schon entdeckt hatten, als wir noch in großer Einsamkeit hier bauten. Ich war jedenfalls amüsiert dankbar, wenn ich manchmal über den Autofunk die Frage nach dem Wohin von dem Fahrer derart beantwortet hörte: "Ick jeh' bei Axel" oder auch "Ick bin uff Achse zu Axel".

(…)

Wenn ich in dieser Stunde dankbar auf das blicke, was wir hier schaffen durften, und daran denke, was wir mit Gottes Hilfe hier schaffen wollen, wendet sich der Blick beinahe automatisch zurück zu dem, was einstmals hier war: das Zeitungsviertel, das Herz von Berlin, die "Fleet Street" Deutschlands. Und Namen drängen sich auf, Namen großer Verleger und großer Journalisten. Neben Leopold Ullstein und seinen fünf Söhnen, die jetzt gewissermaßen meine Ahnherren geworden sind, denken wir an August Scherl, auf dessen altem Grundstück ein Teil dieses Gebäudes steht, und an Rudolf Mosse, dessen Druckhaus zum Teil noch heute erhalten ist; es steht direkt vor Ihnen, auf der anderen Seite der Zimmerstraße, auf der anderen Seite der Mauer.

Ebenso aber wie die Namen der großen Verleger kommen die Namen der großen Journalisten ins Gedächtnis zurück: Theodor Wolff, Georg Bernhard, Maximilian Harden, Julius Elbau, Ernst Wallenberg, Carl von Ossietzky, Monty Jacobs, Alfred Kerr – nur einige wenige will ich nennen. Auch Hans Zehrer gehört dazu, der hier in der Kochstraße als Außenpolitiker der Vossischen Zeitung begann und dessen letztes Büro als Chefredakteur der Welt wieder hier in der Kochstraße stand. Nächst mir hatte er sich wohl am meisten auf den heutigen Tag gefreut. Ich nannte eine Reihe von Namen aus der alten Zeit. Wie viele jüdische Mitbürger fanden wir damals unter Verlegern und Journalisten! Als sie nach 1933 ausziehen mußten, war auch das Ende von Freiheit und Menschenwürde im alten Zeitungsviertel angekommen. Die Bomben der Jahre 1944/45 besiegelten nur den Rest.

(…) Dem Abfall von Gott folgt der Abfall vom Menschen, dem Ebenbild Gottes, auf dem Fuße. Preis und Fluch dieses Abfalls ist die Trägheit des Herzens, jene Sünde, die mit Sicherheit nicht vergeben wird.

(…)

Erlauben Sie mir zum Schluß noch einige Anmerkungen: Ich weiß: Wer da bauet an den Straßen, muß die Leut' über sich reden lassen. Wir handeln im allgemeinen auch nach dieser ebenso einfachen wie richtigen Erkenntnis. Ich gestehe, daß eine andere Einsicht uns bei dieser Haltung oft hilft. Nämlich diese: Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter. Trotzdem mag ein Tag wie der heutige geeignet erscheinen, über uns selbst etwas auszusagen und dabei auch kurz die Aufgabe der Presse, wie ich sie sehe, zu umreißen – und die politische Haltung unseres Hauses im besonderen: Ich bin der Meinung, daß Zeitungen zwar an der Politik teilhaben, aber nicht Politik machen sollen. Zeitungen haben die Politik zu begleiten, zu erklären, sie zu kritisieren, sie zu fördern. Zeitungen haben zu warnen und Anregungen zu geben. Sie haben eine Meinung zu haben, die der einzelne mag oder nicht mag, aber die Zeitungen dürfen nicht Politik ersetzen wollen. Dies würde zur Zersetzung der Politik führen.

Ich weiß, daß in Zeiten, die politisch führungslos erscheinen mögen, die Gefahr für den Zeitungsmann wächst, über seine ihm angestammte Aufgabe hinauszugehen. Wünschen wir uns auch aus diesem Grunde eine kraftvolle und klare Konzeption der politisch Führenden. Und wünschen wir uns selbst, daß wir immer die Kraft haben werden, die angedeuteten Spielregeln einzuhalten. Wenn ich noch über die politische Haltung unserer Zeitungen etwas sage, so möchte ich Äußerungen wiedergeben, die ein Außenstehender, ein angesehener Fernsehjournalist (Matthias Walden), über unser Haus gemacht hat. Ich hätte sie nicht besser formulieren können. Er meinte:

„Die Springer-Presse ist nicht regierungstreu, sie ist nur allerdings nicht linkslastig. Wenn es in den vielen und unterschiedlichen Publikationen des Hauses Springer so etwas wie eine für alle verbindliche Linie gibt, würde ich sie nicht regierungstreu, sondern antikommunistisch nennen, und das muß ja wohl noch erlaubt sein! Es ist eine aggressive Torheit, die Springer-Blätter über einen Kamm zu scheren und die so geschorenen Organe mit der groben Vereinfachung "Rechtskurs" abzustempeln. Springer ballt keine parteiischen Kräfte des Extrems, seine Blätter sind eher antinationalistisch; sie treten der Regierung in Bonn oft auf die Zehen, wenn auch nicht aufs Herz. Die Blätter des Hauses Springer sind nicht regierungstreu, sondern staatsloyal – das ist der Unterschied, der heute of und genußvoll übersehen wird."

Ich habe dem nichts hinzuzufügen.

(…)