Das Urteil Garbe




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Das Urteil Garbe

Als Leserbrief erschienen in DIE WELT am 3. April 1947

An die Redaktion der Welt:

Herz und Verstand drohen einem stillzustehen: das Urteil gegen den in Lübeck zu fünf Monaten Gefängnis verurteilten "fahnenflüchtigen" Karl-Ernst Garbe wurde von der nächsthöheren gerichtlichen Instanz in Kiel bestätigt!

Den Herren Richtern sei gesagt, daß es in Deutschland Gott sei Dank eine ganze Reihe von Menschen gab, die den letzten Krieg nicht als eine Auseinandersetzung zwischen Nationen ansahen, sondern als einen Kampf auf Leben und Tod zwischen Nazis und Nichtnazis. In diesem Internationalen Bürgerkrieg hatte sich Garbe offensichtlich für die Partei der Nichtnazis entschieden. Als Folge dieser Entscheidung wurde er "fahnenflüchtig", nachdem die Nazis aus praktischen Erwägungen nicht nur ihre Anhänger, sondern auch deren erbittertste Feinde unter die Fahnen gerufen hatten. Dafür, daß Garbe seinen Gegnern als Soldat nicht helfen wollte, wurde er zum Tode verurteilt. Vor seiner beabsichtigten Hinrichtung startete Garbe einen "rechtswidrigen Angriff" gegen einen ihn bewachenden Beamten, der – wie sich der Lübecker Staatsanwalt meiner Erinnerung nach ausdrückte – seine Pflicht im "Dienste der Allgemeinheit" tat. Im Dienste der Allgemeinheit? Im Dienste der nationalsozialistischen deutschen Allgemeinheit? Eine gefährliche Formulierung! Sie führt geradewegs zur Fixierung der deutschen Kollektivschuld!

Das Lübecker Urteil drängt zur Kernfrage vor: War der gegen die Antinazis im In- und Ausland angezettelte Krieg rechtens oder nicht? Er war es nicht. Er war verbrecherisch, und Garbe hatte recht, sich seiner Haut zu wehren. Der ihn bewachende Beamte tat seine Pflicht nicht im Dienste der Allgemeinheit, sondern im Dienste der Nazis. Daß dieser Beamte vielleicht auch nur wieder ein Opfer der Zwangsherrschaft war, tut hierbei nichts zur Sache und ist dessen Anteil an dem tragischen Durcheinander der deutschen Vergangenheit. Auf alle Fälle hatte Garbe das Recht und die Pflicht, auf seinem Kampffeld die Siegeschancen der Feinde durch Erhaltung seines Kopfes zu mindern.

Ich kenne Garbe nicht, aber die Sache ist klar und das Urteil ungeheuerlich. Man scheint in Lübeck und Kiel nie davon gehört zu haben, daß es Deutsche gab, die ihr Land mit mehr Verstand und Vorstellungskraft liebten, als daß sie ohne Zögern im Dienste der NS-Allgemeinheit ihre sogenannte Pflicht taten. Überzeugte Deserteure waren keine vaterlandslosen Gesellen!

Axel Springer, Verleger, Hamburg-Großflottbek, Flottbeker Chaussee 207