Der erste Schritt zum Zeitungsverlag




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Der erste Schritt zum Zeitungsverlag

Lizenzantrag

HAMBURGER ABENDBLATT

Die unabhängige Zeitung für alle

Betrifft:

  • Lizenzantrag Axel Springer vom 15.11.1947
  • Hamburg 1, An der Alster 61
  • Telefon: 43 12 12
  • Privat: Hamburg-Othmarschen,
  • Flottbeker Chaussee 207
  • Telefon: 49 52 29

Ich bewerbe mich hiermit um die Lizenz einer unabhängigen Hamburger Tageszeitung. Den ersten Lizenzantrag auf eine nicht-parteigebundene Zeitung habe ich schon im August 1945 unter dem Titel Hamburger Telegraf gestellt. (Ich habe damals diesen Titel gewählt wegen seiner traditionellen Bindung an einen der Inhaberfamilie Springer gehörenden seit 1789 bestehenden Verlag.) Diese Lizenz ist seinerzeit von mir zurückgezogen worden, da ausschließlich parteigebundene Zeitungen durch die Militärregierung lizenziert werden sollten.

Lizenzträger einer großen unabhängigen Hamburger Tageszeitung muß m.E. sowohl erfahrener Verleger, als auch gründlicher Kenner der besonderen hamburgischen Verhältnisse sein. Als Sohn einer Hamburger Verlegerfamilie glaube ich für diese Aufgabe die notwendigen Voraussetzungen mitzubringen. Die dritte unerläßliche Voraussetzung, wirtschaftliche Unabhängigkeit, habe ich mir seit 1945 geschaffen.

Auf dieser Grundlage fühle ich mich den Risiken der Zukunft gewachsen. Die Tatsache, daß ein Zeitungsverleger in wirtschaftlichen Krisenzeiten aus eigenen Quellen schöpfen kann, bewahrt ihn mit Sicherheit vor einer eventuellen Anlehnung an oft allzu finanzierungsbereite Gruppen oder Organisationen.

Wert der unabhängigen Presse

Die Bedeutung der Parteizeitungen als Träger der politischen Aufbauarbeit steht außer Zweifel. Ebenso unbestreitbar aber ist, daß auch die unabhängige Presse heute einen starken Widerhall in der deutschen Leserschaft findet.

Beide zusammen schaffen die Voraussetzungen klarer politischer Willensbildung. Bei der noch sehr großen Zahl der Leser, die sich nicht für eine Partei entschieden haben, dient die offene Diskussion entgegengesetzter Meinungen der Ordnung und Festigung der politischen Verhältnisse ebenso wie der staatsbürgerlichen Erziehung. Die unabhängige Zeitung wird sich einer solchen Diskussion umsomehr zur Verfügung stellen, je tiefer sie im Boden echter Gesinnung wurzelt. Diese aufbauende politische Arbeit kann nur eine Zeitung mit großem journalistischen und verlegerischen Mitteln leisten, im Gegensatz zu schnellebigen Mittagsblättern, die, wie die Zeitungsgeschichte zeigt, nur der zusätzlichen Lektüre dienen.

Der Weg des Hamburger Abendblattes

Die Erfahrung lehrt, daß man zur Demokratie nicht nur unmittelbar auf rein politischem Wege gelangt, sondern mittelbar auch dadurch, daß man die Menschen menschlich anspricht und in ihrer privaten Sphäre zu verstehen sucht.

Diesen Weg will das Hamburger Abendblatt gehen. Es fühlt sich dabei den humanitären und sozialen Forderungen aller fortschrittlichen deutschen Kräfte verbunden. Dabei wird es nicht darauf verzichten, mit Nachdruck für den Schutz der Einzelpersönlichkeit gegen staatliche Totalitätsansprüche einzutreten.

Der lokale Teil

Wirkliches und dauerndes Vertrauen, das ist meine Überzeugung, hat nur die Zeitung, die Eingang in die Familie findet. Das Vertrauen des Lesers wird vor allem durch Nachrichten erworben, die ihn nahe angehen. Die kleine Nachricht, sorgfältig gewählt und gepflegt, gibt ein wahrheitsgetreues Lebensbild, das auch ohne besondere Absichten Maß und Wert sichtbar macht und humanitäre Haltung fördert. In diesem lokalen Teil, der für die gute deutsche Presse stets eine Quelle der Lebenskraft gewesen ist, bietet sich zugleich beste Gelegenheit, Anteilnahme an den öffentlichen Einrichtungen des Staates zu wecken. Auf dieser schlichten menschlichen und kommunalen Ebene hat es in Deutschland lange Zeit hindurch echtes demokratisches Leben gegeben. Dem lokalen Teil obliegt auch insbesondere die gewissenhafte Beobachtung der neuen Rechtspflege.

Unterhaltung und Feuilleton

Zu einer Zeitung dieses Stiles gehört es auch, daß das Bedürfnis nach Entspannung und Erbauung befriedigt wird.

Hier soll der Leser bewußt einmal ausruhen, um ihn damit auch aufnahmefähiger für politische Fragen zu machen. Kein Teil des Blattes gibt gleich große Möglichkeiten zu menschlich heilsamem Einfluß. So soll auch der Unterhaltungsteil meines Blattes ein Mittel sein, die noch verbliebene seelische Substanz des deutschen Menschen zu bewahren und im Wachstum zu fördern. Der Unterhaltungsteil hatte stets die dankbarsten Leser, wie besonders der lokale Teil für sich beanspruchen darf, die meisten Leser zu haben. Das Hamburger Abendblatt wird dem Bildungswesen in allen seinen Stufen, von der Volksschule bis zur Universität, seine besondere Aufmerksamkeit widmen.

Trotz geistiger Verwandtschaft bleibt das eigentliche Feuilleton vom Unterhaltungsteil getrennt. Es spricht mit Nachricht und kritischem Bericht über das geistige und künstlerische Schaffen nur einen Teil der Leser an. Von besonderer Wichtigkeit: auf diesem Gebiet nichts zu überspitzen und Niveau mit Allgemeinverständlichkeit zu vereinen.

Der Wirtschaftsteil

Aus der bisher dargestellten Gesamthaltung des Hamburger Abendblattes ergibt sich, daß es auch den wirtschaftlichen Bestrebungen des Menschen freien Raum zur Entfaltung wünscht. Dabei wird der initiativreichen Persönlichkeit ebenso ihr Recht werden, wie der breiten Masse wirtschaftlich abhängiger Menschen. Der Freiheit dieser breiten Masse im Rahmen einer modernen Großwirtschaft wird immer die besondere Aufmerksamkeit des Hamburger Abendblattes gehören.

Die Mitarbeiter

Der Auswahl der Mitarbeiter habe ich besondere Aufmerksamkeit gewidmet, da sie der besonderen Zielsetzung meines Blattes entsprechend neben hervorragenden journalistischen Qualitäten die Fähigkeit zu vertrauensvoller, menschlicher Ansprache an eine breite Öffentlichkeit haben müssen. Außer einem bereits fest engagierten Kreis fähiger Redakteure, Journalisten und Schriftsteller stehen bedeutende Journalisten zur Verfügung, die sich z.Zt. noch außerhalb Hamburgs und auch außerhalb der britischen Zone aufhalten, die sich aber durch Geburt und Neigung dem norddeutschen Lebensraum und speziell Hamburg eng verbunden fühlen.

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Verbreitungsgebiet: Hamburg und hamburgisches Einflußgebiet

Erscheinungsort: Hamburg / Erscheinungsweise: täglich als Ziel

Auflagenhöhe: Gemäß Richtlinien Beratender Ausschuß der Presse

Herausgeber und Verleger: Axel Springer

Lebenslauf

Ich entstamme einer Hamburger Verlegerfamilie. Am 2.Mai 1912 wurde ich als Sohn des Verlegers und Druckereibesitzers Hinrich Springer in Hamburg-Altona geboren. Nach Absolvierung des Realgymnasiums in Altona lernte ich von Grund auf das Setzer- und Druckerhandwerk und erhielt darüber hinaus eine gewissenhafte Spezialausbildung im Zeitungsbetrieb, die durch eine Lehrzeit in den Schröderschen Papierfabriken Sieler & Vogel in Hamburg und Leipzig vervollständigt wurde. Diese technische und kaufmännische Vorbereitung auf den Zeitungsverlegerberuf wurde durch journalistische Schulung im Wolffschen Telegrafenbüro erweitert.

Die daran anschließende Arbeit in Provinzzeitungen vermittelte mir umfangreiche Kenntnisse der Redaktionsarbeit in allen journalistischen Sparten. Für führende deutsche Blätter war ich als freier Mitarbeiter tätig. Meine verlegerische Ausbildung wurde endlich in dem Verlage meines Vaters abgerundet. Durch beschränkte Zulassung zur Schriftleiterliste wurde meine journalistische Arbeit seit 1933 auf die unpolitischen Gebiete des reinen Nachrichtendienstes, des lokalen Teiles und des Sports eingeengt.

1943 trat ich als Teilhaber in das väterliche Unternehmen ein, dessen Verlagsobjekte bis zu diesem Zeitpunkt fast sämtlich schon zum Erliegen gebracht worden waren. In Etappen folgten weitere Schließungen bis zur absoluten Stillegung. Die Gebäude und Druckereianlagen, deren fünfzigprozentiger Mitinhaber ich war, wurden während der Dauer des Krieges sämtlich total zerstört. An einem der letzten Tage des Krieges verlor ich dann auch noch die umfangreichen Druckereianlagen in Hamburg-Altona mit ihrer gesamten großen Maschinenausstattung, den Flachdruckmaschinen, Rotationsmaschinen und Linotypes. Seit 1945 bin ich nach der durch die Militärregierung erfolgten Lizenzierung als Buch- und Zeitschriftenverleger tätig.

Ich habe nie der NSDAP angehört und bin auf Grund des roten Ausmusterungsscheines nicht Soldat gewesen.

Innerhalb verlegerischer Organisationen führe ich den ersten Vorsitz im Zeitschriftenverleger-Verband Nordwestdeutschlands e.V. und bin außerdem Mitglied des Vorstandes der Verlegergruppe im Norddeutschen Verleger- und Buchhändler-Verband. Ich gehöre ferner dem Beratenden Zonenausschuss für die Presse an.