Deshalb bleiben wir bei den Anführungsstrichen




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Deshalb bleiben wir bei den Anführungsstrichen

In einem Leserbrief an die Tageszeitung DIE WELT, publiziert am 4. Juli 1979, hatte der Kölner Rechtsanwalt Dr. Lüder Meyer-Arndt die Zeitung dafür kritisiert, daß sie das Kürzel DDR in Anführungszeichen setzt. Axel Springer schrieb daraufhin diesen Brief.

Berlin, 18. Juli 1979

Sehr geehrter Herr Dr. Meyer-Arndt,

auf Ihren Leserbrief an Die Welt möchte ich, als Herausgeber dieser Zeitung, Sie nicht ohne Antwort lassen.

Lassen Sie mich dies vorwegnehmen: Der ostdeutsche Satellitenstaat "DDR" ist, wie schon vor Jahren der heutige SPD-Vorsitzende Willy Brandt feststellte, "weder deutsch noch demokratisch, noch eine Republik". An diese Tatsache sollen uns die Anführungsstriche ständig gemahnen.

Wir bekommen täglich aufs neue demonstriert, wie das Ostberliner Regime mit den deutschen Bürgern, mit der deutschen Geschichte und den republikanischen Grundsätzen umgeht: trotz Entspannungspolitik, trotz Helsinki und Menschenrechtsdeklaration. Diese "DDR" tut als Staat und System Unrecht, quält die Menschen und konstruiert Todesmaschinen. Soll man diese Wahrheit verleugnen? Soll man wieder einmal die Augen verschließen vor Verbrechen und Schuld, weil die Zeit und eine irreführende Politik die Wirkung dieser Wahrheit abzunutzen beginnen? Soll vergessen werden, was die Erinnerung doch täglich peinigen müßte? Das Völkerrecht kennt zwar in besonderen Fällen den kraft lange vergangener Zeiten erworbenen ("ersessenen") Rechtstitel im Hinblick auf okkupiertes Land; aber muß dieser Grundsatz auch für vitale Wahrheiten einer Nation – und bereits nach 30 Jahren – gelten? Ich meine: nein!

Ich weiß, diese Anführungsstriche sind eins der unbequemsten Ärgernisse, die es oft in der Geschichte gegeben hat und gibt. Nicht zuletzt deshalb, weil eine geschichtsmüde Gesellschaft kein Gespür mehr für Zeichen nationaler Beharrlichkeit besitzt, wie sie sich in jenem französischen Wort demonstriert, das einst im Hinblick auf Elsaß-Lothringen geprägt wurde und seither als Exempel für geduldige politische Grundsatztreue gerühmt worden ist: "Immer daran denken!"

In der 2000jährigen Geschichte der Juden wurde es auch in jüdischen, sich fortschrittlich wähnenden Gruppen als Ärgernis angesehen, daß bei den Unermüdlichen, den Hoffnungsvollen das Wort am Leben gehalten wurde: "Nächstes Jahr in Jerusalem!" Es waren aber dieses Vertrauen, dieser ungebrochene Wille und der Glaube an heilsgeschichtliche Gesetzlichkeiten, die die Juden wieder nach Jerusalem führten.

Wir dürfen andererseits nicht vergessen, daß für die Kommunisten auch die Sprache eine Waffe im Kampf zur Durchsetzung politischer Ziele ist. Der frühere amerikanische Botschafter bei den Vereinten Nationen, Daniel Pat Moynihan, hat dies einmal treffend an einem Beispiel aufgezeigt. In Welt am Sonntag schrieb er: "Seit vielen Jahren nennen sich die brutalsten totalitären Regime 'Volksdemokratien' oder 'demokratische Republiken'. Wie wir von Milovan Djilas wissen, ist der Begriff 'Volksdemokraten' von Stalin selbst geprägt worden, bei der Gründung der Kominform im Jahre 1947. Stalin wollte, daß die Kominformzeitschrift 'Für eine Volksdemokratie' uns immer und immer wieder an diesen Begriff erinnerte. Ganz ähnlich nennen sich heute Organisationen in vielen Teilen der Welt 'Befreiungsbewegungen'."

Diese irreführenden Umdeutungen von Worten und Begriffen, wofür das Schlagwort Entspannung das aktuellste Beispiel bietet, stellen eine geistige Unterwanderung dar, sind psychologische Kriegführung gegen die christlich-bürgerliche Welt zur Aushöhlung und Abwertung ihrer ideellen Fundamente.

Wenn wir nicht wachsam bleiben, ist es nur noch eine Frage der Zeit, daß aus der Schandmauer eine Schutzmauer und aus dem Schießbefehl ein Ordnungsbefehl wird. Ich sehe deshalb weder als Deutscher noch als Verleger einer liberal-konservativen deutschen Tageszeitung, zu deren langfristigen Zielen die Wiedervereinigung Deutschlands – zumindest aber ein menschenwürdiges Leben aller Deutschen – gehört, keinen Grund, die Anführungsstriche für obsolet anzusehen.

Es gehört zur Wirkung elementarer Wahrheiten, daß sie auch als Ärgernis empfunden werden. Man muß das in Kauf nehmen.

Mit sehr freundlichen Grüßen

Ihr sehr ergebener

Axel Springer