Die Freiheit ist das Engagement der Jüngeren wert




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Die Freiheit ist das Engagement der Jüngeren wert

Ein Brief Axel Springers an seinen Sohn Axel jun. über die Notwendigkeit des Engagements für Freiheit und Wohlstand, für Recht und Gerechtigkeit – geschrieben in der Hochzeit der Anti-Springer-Kampagne.

Berlin, 21. Mai 1971

Mein lieber Axel,

wir sprachen kürzlich über die Frage, ob sich insbesondere unser Land einen Radikalismus auf der einen oder anderen Seite erlauben könne. Als Du weg warst, habe ich über dieses Thema noch lange nachgedacht – vor allem darüber, warum gerade uns Deutschen jede Form von Radikalismus so schlecht ansteht.

Du kennst meine These, daß 25 Jahre nur ein kleiner Stoßseufzer der Geschichte sind. Aber man kann den Zeitraum vor 25 Jahren auch anders sehen, nämlich dann, wenn man ihn an unserem Verhältnis zum Radikalismus mißt. Niemals mehr, so glaubten wir vor 25 Jahren, als das Schicksal dem freien Teil Deutschlands noch einmal eine Chance bot, würden Radikalismus, ideologische Intoleranz und fanatisierte Gewalt sich in der wiedergewonnenen Freiheit auch nur zu Wort melden, geschweige denn tätig werden können.

Schwerer noch als alles, was seit dem Krieg wieder aufgebaut wurde, wiegt unsere Erfahrung mit der Vergangenheit. Ihre Lehren wurden mit Not und Tod bezahlt.

Aber der Radikalismus frißt erneut an der Substanz unserer Demokratie. 95000 Deutsche gehören nach Angaben der Bundesregierung extremistischen Gruppen an. 30000 davon sind Rechtsradikale, darunter etwa 21000 Mitglieder der NPD. 65000 meist jüngere Menschen verteilen sich auf die etwa 250 linksradikalen Gruppen orthodoxer Kommunisten, Maoisten, Trotzkisten und Anarchisten.

Niemand hat sie gerufen. Aber sie sind da und bohren Sprenglöcher in die Demokratie. In einem Lande, dessen Rechtsradikalismus 50 Millionen Menschen das Leben kostete, das von linksradikaler Gewalt in zwei Teile zerschlagen wurde und in dem 17 Millionen Mitbürger unter einer extremistischen Ideologie zu leiden haben, üben sich extremistische Minderheiten in Gewalt, um der demokratischen Mitte den Garaus zu machen.

Die Mehrheit aber schweigt dazu. Es ist dies kein vornehmes Schweigen im Bewußtsein der Überlegenheit, sondern ein kleinmütiges, bequemes, manchmal auch ängstliches Verstummen. Noch immer wird Entschiedenheit gegen den Radikalismus radikal mißverstanden und aktiver Widerstand gegen die Aggression des linken Extrems als Gefahr von rechts denunziert und umgekehrt. Und dies, obwohl weiterhin Fensterscheiben zertrümmert, Sprengkörper gelegt sowie Pflastersteine und Farbbeutel gegen Andersdenkende geworfen werden.

Die Gefahr ist nicht vorüber. Im Gegenteil. Die 'Systemsprengtrupps' raten den Weg auch in die Institutionen an, sitzen an Schreibtischen und streben nach Ämtern.

Wer all das in den Anfängen vorauszusagen gewagt hatte, galt lange Zeit als Scharfmacher, auch wenn er nur empfohlen hatte, die Sprengsätze der fanatisierten Ideologen zu entschärfen, bevor sie zünden konnten.

Aber warum wird der Verteidiger jener Freiheit, in der wir leben, wie in den Tagen von Weimar angeschwärzt als Propagandist der Restauration und der Reaktion? Wohl, weil manche meinen, das Neue sei immer das Gute, das Andere immer zugleich das Bessere. Jean Cocteau sagte es so: "Jeder, der lobt, fürchtet, für dumm zu gelten. Jeder, der tadelt, ist sicher, für klug gehalten zu werden."

Es gibt untrügliche Erkennungsmerkmale, die allen Radikalen gemeinsam sind, gleichgültig, wo sie politisch stehen: Frechheit, Mangel an Takt, Freude an der Entwürdigung ihrer Gegner, methodische Geschmacklosigkeit, Penetranz, Unfähigkeit zuzuhören, Elitedünkel unter dem Parolennetz der Gleichmacherei, Ordnungsfeindlichkeit. Mißbrauch der eigenen Freiheit zu Lasten der Freiheit anderer. Daran sind sie zu erkennen. Das alles macht ihre Gemeinsamkeit aus, mehr noch als die Ideologien, die sie eher spalten als einigen.

Daß die Extreme sich berühren, ist ein altes und immer noch wahres Wort. Zwischen dem Links-Radikalismus und dem Rechts-Radikalismus gibt es keine Qualitätsunterschiede. Faschismus und Kommunismus, Nazismus und Maoismus unterscheiden sich in ihren Farben, nicht in ihren Formen und kaum in ihren Inhalten.

Die Extremisten von links und rechts, die der Demokratie ans Leben wollen und mit denen wir es hier und heute zu tun haben, unterscheiden sich allerdings in einem:

Die radikale Linke ist – obgleich in Richtungskämpfen zerstritten – eine kollektivistische Gewalt, offen oder geheim dirigiert von Zentren außerhalb der Bundesrepublik.

Die Radikalen von rechts dagegen treten heute, wenn man von der NPD und der ihr nahestehenden "Aktion Widerstand" absieht, als Einzeltäter auf. Ihre Versuche, sich zu gruppieren, wurden im Nachkriegsdeutschland von den Wählern – nach einigen Ausnahmen von dieser Regel – zerschlagen. Der Hakenkreuzschmierer, der Dutschke-Attentäter, der Krankenpfleger, der auf einen sowjetischen Soldaten schoß (…) – sie alle treten einzeln, höchstens in unbedeutenden Grüppchen auf. Anders als in den späten Jahren der Weimarer Republik, wird man ihresgleichen heute nicht auf den Schleichwegen zur Macht finden; kein modelüsternes Publikum wird sie auf den Laufsteg der Politik bitten und ihnen applaudieren.

Die Rechtsradikalen kommen aus den Winkeln der Ohnmacht – nicht ungefährlich zwar, vorläufig aber ohne Resonanz. Die größte Gefahr ist, daß die Extremisten beider Seiten sich gegenseitig Vorwände liefern, einander bestätigen und hochschaukeln.

Je tiefer die radikale Linke die Löcher zur Sprengung "des Systems" in die Substanz des Staates treibt, umso größer wird wieder die Chance der radikalen Rechten. Je brutaler die Rechts-Extremisten ihre Waffen anwenden, desto lauter wird das Geschrei der äußersten Linken. In demokratischen Wahlen hatten die Radikalen bislang kaum eine Chance. Und so wird es auch bleiben. Jede Partei, die sich auch nur in den Verdacht begäbe, mit Radikalismus zu sympathisieren, würde Stimmen verlieren. Es gibt genug Beispiele dafür.

Diese Zuverlässigkeit des Wählers ist zwar Grund zur Genugtuung, aber nicht zur Selbstzufriedenheit. Die schweigende Mehrheit, die brave, politisch etwas träge, gelangweilte und schläfrige Mitte läßt sich von den radikalen Minoritäten das Gruseln lehren wie ein phlegmatischer Riese. Diese große und breite Mitte wünscht keinen Klassenkampf. Sie honoriert es nicht, wenn Vaterlandsliebe in Nationalismus umgelogen wird. Es verlockt sie nicht, wenn die "heile Welt" verhöhnt und Wunden aufgerissen werden. Sie folgt nicht der Denunziation der "Leistungsgesellschaft" und weiß zu wägen, wenn ihr eine totale Chance ohne die geringste Beteiligung am Risiko vorgegaukelt wird.

Aber die Mehrheit schweigt. Sie räkelt sich, statt sich zu regen. Und wenn einer aus der Mitte die Stimme erhebt, um zu warnen, dann bleibt sie auch noch stumm, wenn dieser eine bezichtigt wird, er sein ein reaktionärer Rechter, weil er die Freiheit gegen die radikale Linke verteidigt, oder er sei ein "Roter", weil er die demokratische Mitte gegen das rechte Extrem zu schützen versucht. Wenn aber die demokratische Mitte weiter schweigt, droht ihr erneut der Zerfall, wie schon einmal vor vierzig Jahren.

Die Radikalen warten darauf, sie registrieren mit Schadenfreude die begonnene Polarisierung der Meinungen und Überzeugungen und die Lust mancher Politiker, den einer anderen demokratischen Partei zugehörigen Gegner als Extremisten zu verteufeln.

Im Mai 1919 schrieb Maximilian Harden, Deutschland drohe Gefahr "weil das heute gebietende, das herrschende Element ungeistig, unschöpferisch, arm an irgendeinem fortreißenden Gedanken ist, alles was dieses schöne sterbende Land an Idealisten hervorgebracht hat und noch hervorbringt, zu den Radikalsten sich verläuft, zu den Kämpfern auf der rechten Seite und, in helleren Haufen, nach links, zu denen, die glauben, über Nacht die Welt auf die Vernunft, also, wie Hegel sagt, auf den Kopf stellen zu können".

An diesen Worten fallen die Ähnlichkeiten zur Gegenwart ebenso auf wie die Unterschiede. Vor allem mangelt es heute nicht an einem "fortreißenden Gedanken". Denn warum sollte die Idee von Freiheit und Wohlstand, von Recht und Gerechtigkeit ihre Kraft eingebüßt haben? Nur weil sie bei uns mehr als je zuvor verwirklicht worden ist?

Auch stimmt es nicht, dass heute "alles, was dieses schöne und unsterbliche Land an Idealisten hervorgebracht hat, zu den Radikalsten sich verläuft". Heute sind es fanatische Ideologen, die unsere Welt nicht "auf die Vernunft", sondern nur "auf den Kopf zu stellen" versuchen.

Heute geht es den Radikalen nicht darum, Unzufriedene auf ihre Seite zu ziehen, sondern sie versuchen, Zufriedene unzufrieden zu machen, Gesunde zu verletzen, Liebe in Haß zu wandeln, Sexualität in Obszönität, Recht gegen Gewalt zu tauschen, sozialen Erfolg in sozialistische Risiken zu verwandeln, Demut in Schwäche umzulügen und Gläubigkeit als Furcht vor der Welt zu verdächtigen.

Die ideelle und die materielle Kraft der Mitte hätte den Radikalismus nicht zu fürchten, wenn sie sich nicht, wie das einschlägige Wort bezeichnenderweise heißt, "verunsichern" ließe. Wenn sie sich nicht in Selbstvertrauensseligkeit, sondern in Selbstvertrauen übte.

Dies, lieber Axel, ist freilich eine Aufgabe, die wir Älteren nicht allein bewältigen können. Sie erfordert vielmehr auch das volle Engagement der Jüngeren. Denn erst wenn wir es gemeinsam gelernt haben, uns zu bekennen, werden wir den Radikalen den Rücken kehren können. Solange dies jedoch nicht der Fall ist, bleiben wir mit ihnen konfrontiert.

Mit herzlichen Grüßen

Dein Vater