Dreißig Jahre Hamburger Abendblatt




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Dreißig Jahre Hamburger Abendblatt

Rede Axel Springers anläßlich des 30. Gründungsjubiläums des Hamburger Abendblatts, gehalten am 28. Oktober 1978 im Hamburger Congress Centrum vor 3000 Mitarbeitern und Gästen.

Wir begehen heute ein Familienfest unseres Hauses. Und ich freue mich, daß Sie in so großer Zahl hierhergekommen sind. Diese große Zahl der bei uns Tätigen ist für mich in einer Hinsicht allerdings auch ein Punkt des Bedauerns. Denn sie macht es mir unmöglich, mit jedem einzelnen von ihnen so bekannt zu sein, wie ich das gerne möchte.

Mein Vater hatte es da leichter. Er kannte alle etwa 100 Angestellten und Arbeiter seines Verlages persönlich. Er wußte über ihre Familien Bescheid; ihm wurden freudige Nachrichten zuerst mitgeteilt, und er war Anlaufstelle bei Trauer und Sorgen. Es gab keine Hochzeit, keine Taufe, keinen Geburtstag ohne einen persönlichen Glückwunsch meines Vaters – und keinen Todesfall ohne sein Beileid, meistens seinen Zuspruch am Grabe.

Etwas Ähnliches ist bei 12000 Mitarbeitern nicht zu verwirklichen, so gerne ich da in die Fußstapfen meines Vaters treten würde. Und ich weiß, daß auch die beste Organisation, die wir wirklich haben – das kann ich mit Stolz und Dankbarkeit feststellen –, den persönlichen Kontakt nicht ersetzen kann. Wollte ich mit jedem meiner Mitarbeiter nur einmal im Jahr zehn Minuten sprechen, so brauchte ich heute dafür bei einer 40-Stunden-Woche 50 Wochen. Zur Arbeit blieben dann ganze 14 Tage. Käme es schließlich zu der von den Gewerkschaften anvisierten 35-Stunden-Woche, würde ich es in einem Jahr nicht einmal mehr schaffen.

Dennoch meine ich, daß ich vielen von Ihnen zu fremd, zu entrückt geworden bin, und verspreche, mich zu bessern. In diesem Sinne, das heißt im Sinne des Zusammenrückens, möchte ich hier, von dieser Stelle aus, denjenigen unter Ihnen, die heute Geburtstag haben, recht herzlich gratulieren.

Ich habe von diesem Haus als einer Familie gesprochen. Und wahrlich, so wie in einer intakten Familie alle an einem Strang ziehen, so muß es auch in einem guten Betrieb, besonders in einem Verlagshaus sein. Das Endprodukt, die Zeitung, die Zeitschrift, das Buch, lebt von diesem Hand-in-Hand-Greifen aller. Der Redakteur wäre nichts ohne den Metteur, der Anzeigenwerber ist so notwendig wie der Drucker, der Kraftwagenfahrer so wichtig wie die Telefonistin. Heute nennt man so etwas ein Team; ich nenne es Familie.

Besonders wir Älteren wissen auch, daß wir, morgens aufbrechend und abends heimkehrend, einen großen und wesentlichen Teil unseres Lebens in dieser – nennen wir es – Arbeits-Familie verbracht haben und verbringen. Und wenn es sinnvoll war, dann sind wir dabei sogar glücklich geworden. Ich zumindest bin es, und für dieses Glück habe ich Ihnen, meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sehr herzlich zu danken.

(…)

Ich möchte Ihnen in diesem Augenblick ein Geheimnis verraten: Mitten im Kriege schon nahm der Plan der Gründung einer modernen Tageszeitung in meinem Kopf ziemlich klare Umrisse an. Darüber nachzudenken hatte ich ja Zeit genug während meiner ruhmreichen Beschäftigung als Vorführer und Platzanweiser im Waterloo-Kino in der Dammtorstraße – nach abgelegter Prüfung in Feinmechanik, Optik und Elektrotechnik, irgendwo am Steindamm.

In meinen Gedanken wurde das von meinem Vater übernommene, im Krieg zerstörte, auf das Jahr 1789 zurückgehende Unternehmen, was seine Zeitungsabsichten anbelangt, schon zwei Jahre vor Kriegsende wieder gegründet. Eine Aktennotiz gibt darüber Auskunft.

Diese gedankliche Vorweggründung unseres Zeitungshauses fand statt in einem für menschliche Nutzung umgebauten Schweinestall in der Lüneburger Heide. Die ersten schrecklichen Luftangriffe auf Hamburg lagen hinter uns. An einem Herbsttag des Jahres 1943 stand in diesem Stall ein wild gestikulierender junger Mann und verkündete seinen Eltern, das Brummen der in Richtung Berlin fliegenden Bomber übertönend, daß das freie Wort in Deutschland bald wieder Gültigkeit haben würde. Und er fügte hinzu: "Dann werde ich das größte Verlagshaus in Europa bauen!"

Das war dem Vater offensichtlich zuviel. Er wandte sich der Mutter zu und sagte: "Ottilie, ich glaube, der Junge ist verrückt geworden!" Meine Mutter aber drehte sich um, hob den Zeigefinger und meinte: "Heino, bei ihm weiß man das nicht so genau!"

Ich begann damals schon mit einer detaillierten Planung, und man kann fragen: Warum hat es eigentlich bis zum Jahre 1948 gedauert? Schon 1945 war doch das freie Wort wieder erhältlich, wurden die ersten Zeitungen von den Alliierten lizenziert. Aber ich begann meine Verlagslaufbahn nicht mit einer Tageszeitung, sondern mit Zeitschriften, zuerst mit den Nordwestdeutschen Heften, dann mit der Rundfunk-Illustrierten Hörzu, weil ich das von den Engländern in ihrer Besatzungszone praktizierte Prinzip der Parteizeitung für unjournalistisch hielt.

Es war im Dezember 1947, als ich mit den ältesten Pionieren des Hauses im Bunker auf dem Heiligengeistfeld die erste Probenummer einer Tageszeitung entwickelte unter dem Arbeitstitel "Excelsior". Sie war im Hinblick auf eine britische Lizenz konzipiert, aber als "unabhängige Tageszeitung aus Hamburg". Doch daraus wurde nichts. Die Engländer hielten an ihrem Prinzip der an Parteien gebundenen Blätter fest und meinten auch, sechs Zeitungen in Hamburg seien genug. Aber ich ließ nun nicht mehr locker. Im Mai 1948 gaben die Engländer das Lizenzrecht an die deutschen Behörden ab. Kurz danach, zwei Tage nach der Währungsreform, sagte mir dann der aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrte große sozialdemokratische Nachkriegs-Bürgermeister Max Brauer: "Axel, jetzt kannst du deine Zeitung machen. Wieviel Geld hast du eigentlich?"

Wie alle anderen hatte ich zunächst nur 60,- DM pro Arbeitnehmer. Brauer meinte: "Für dich ist das genug!" So war unser Verhältnis: Er sagte zu mir du, und ich sagte: "Herr Bürgermeister". Wie ich, so wollte auch Max Brauer eine überparteiliche Zeitung. Deren Wert hatte er in Amerika kennengelernt.

Alle Ideen und Träume aus den zurückliegenden fünf Jahren wurden nun in die aktuelle Planung eingebracht, und am 14. Oktober 1948, an einem Donnerstag, kam schließlich das erste Exemplar des Hamburger Abendblattes aus der Rotation. Erich Lüth hatte mir damals im Anglo-German Club die Lizenz übergeben.

"Zeitungstaufe an der Alster" war die dreispaltige Überschrift zu unserem Bericht in der zweiten Nummer, die am Sonnabend, dem 16. Oktober, herauskam. Wir konnten zunächst ja nur dreimal wöchentlich erscheinen.

Eine Stunde nach Erscheinen der ersten Nummer kamen Gäste, die wir zu uns gebeten hatten. Um diesen Kreis nur anzudeuten: Bürgermeister Brauer mit Altbürgermeister Petersen, Kultursenator Hartenfels mit Hans Albers, Polizeichef Georges zusammen mit Kriminaldirektor Breuer und Erik Blumenfeld.

Ich zitiere noch einmal aus dem Bericht über die Zeitungsgründung: "Im hellen Setzersaal des Abendblattes formte Axel Springer ein schnelles Gedankenbild dessen, was ihm vorschwebt: eine unabhängige, überparteiliche Zeitung. Das eine sind wir, um das andere werden wir uns redlich bemühen. Unsere Linie: die gute, verläßliche Information. Unsere Politik: Menschlichkeit, Klärung, Ausgleich. Unser Sinnspruch: Mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen" – ein Satz, den ich von Gorch Fock entliehen habe.

(…)

Wenn ich heute an unser Abendblatt denke, geht es mir nicht so sehr um die Zahl der Jahre, sondern um die Geschichte einer Idee und die Leistungsbilanz von Redakteuren, Arbeitern und Angestellten im Dienste einer vorbildlichen Zeitung. In der mir eigenen Bescheidenheit hielt ich unser Abendblatt immer für die beste Lokalzeitung der Welt. Ich hoffe, daß das heute noch so ist und daß es auch morgen so sein wird.

(…)

In diese neue Zeitung steckte ich damals all meine Energie, allen Verlegerehrgeiz, alle Journalisten- und Druckerlust. Ich zitiere nur einen Satz aus dem, was Otto Siemer, der spätere und noch immer unvergessene Chefredakteur des Hamburger Abendblattes, ins Protokoll der ersten Redaktionskonferenz schrieb: "Springer wiederholte immer wieder, es komme darauf an, dem Leser wohlzutun."

Das ist sie schon, die später so oft verlachte und verhöhnte, weil mißdeutete Lebensphilosophie: "Seid nett zueinander!" Das war nicht weltfremd liebedienerisch gemeint. Es entsprang der harten Zeit des Mangels, der Ellenbogenexistenz, wo einer glaubte, des anderen Feind zu sein, wo Denunziantentum als Produkt einer zerbombten Welt und einer zerstörten Moral florierte; in einer solchen Zeit unmenschlicher Lebensumstände war unser Aufruf "Seid nett zueinander!" beinahe ein Sensation. Das haben die Menschen recht bald verstanden, vor allem die Frauen.

(…) Hat diese Parole, so wie sie gedacht war, heute an Bedeutung verloren? Ich meine nicht. Denn nett zum Nächsten zu sein, ist auch heute noch notwendig, aber es ist nicht mehr "in". Dabei wissen wir doch, daß trotz unseres Reichtums, trotz unserer Übersättigung, trotz unserer scheinbaren Sicherheit viele Menschen, besonders viele Jugendliche, heute noch einsamer sind, als sie es in den Jahren gleich nach dem Krieg waren. Welch eine Wohltat wäre das Erlebnis des "Seid nett zueinander!" für sie!

Dabei bin ich mir völlig darüber im klaren, daß Zeitungen Probleme nicht lösen, sondern höchstens bei den Lösungen mitwirken können. Das gilt für die Fragen der zwischenmenschlichen Beziehungen ebenso wie für die Politik. Man muß wissen, was die Zeitung kann und was sie nicht kann, wo ihre Grenzen liegen.

Zeitungen können Trends verstärken, Emotionen wecken oder dämpfen; sie können Politik erklären, interpretieren, artikulieren, kritisieren, vielleicht gelegentlich korrigieren – aber Politik machen, das können sie nicht, dürfen sie nicht. Das ist Sache der Politiker. Die anderen Medien, der Hörfunk und besonders das Fernsehen, sitzen da am stärkeren und deshalb gefährlicheren Hebel. Sie haben direkten Zugang zum Emotionalbereich des Menschen.

Das Fernsehen hat nachweislich aktiv in die Gestaltung der Politik eingegriffen. Und tut es immer wieder. Ich erinnere nur an das amerikanische Engagement in Vietnam. Keine Zeitung, keine Gruppe von Zeitungen hätte das je vermocht. Dazu kommt noch, daß die Technik von Hörfunk und Fernsehen der des gedruckten Wortes, was Schnelligkeit der Informationsübermittlung anbelangt, trotz aller kostspieligen Neuerungen weit überlegen ist und bleiben wird. Dadurch wird der Wettbewerb auf dem "gemeinsamen Markt der Kommunikationsmittel" einseitig zugunsten der elektronischen, das heißt der über den Äther gesendeten Medien verzerrt.

Die Zeitung, die früher als erste die Nachrichten ins Haus brachte, ist auf den zweiten Rang verwiesen worden. Ein Beispiel nur möchte ich anführen: Als an jenem Morgen des 29. September um 7 Uhr der Rundfunk die überraschende Nachricht vom Tode des Papstes Johannes Paul I. brachte, lagen die Morgenzeitungen bereits auf dem Frühstückstisch; keine hatte die Nachricht vom Tode, manche brachten sogar noch Berichte über das, was der Heilige Vater an jenem Tag geplant hatte. An diesem Morgen sah man wieder einmal, daß die Zeitungen zur Inaktualität verdammt sind.

Verstärkt werden die Schwierigkeiten der Zeitungen noch durch eine gravierende wirtschaftliche Komponente: Die öffentlich-rechtlichen Monopolanstalten finanzieren sich in unserem Land einerseits durch die von der Post einkassierten Gebühren, deren Erhöhung sich immer wieder zum Schaden der Tageszeitungen ausgewirkt hat; der Kulturetat des einfachen Mannes ist eben sehr beschränkt. Vor die Notwendigkeit der Wahl zwischen Fernsehen und Zeitungen gestellt, siegt meist das Fernsehen. Andererseits haben diese Monopolanschalten sich Tochtergesellschaften angegliedert, die den Zeitungen und Zeitschriften auch auf dem Werbesektor Konkurrenz machen. Alles in allem eine recht einseitige Bevorzugung.

Die Zahl der Fernseh- und Hörfunkgenehmigungen hat sich im Einzugsgebiet des Hamburger Abendblattes in den letzten zehn Jahren mehr als verdreifacht: drei Millionen Fernsehgenehmigungen und dreieinhalb Millionen Hörfunkgenehmigungen, alles Konkurrenten des gedruckten Wortes. Man blickt immer auf das Springer-Haus und läßt geflissentlich den Monopolgiganten bei der Betrachtung des gedruckten Wortes außer acht. Diese Konkurrenz der elektronischen Medien hat viele Blätter in ernste Krisensituationen geführt. Viele, teils ausgezeichnete Zeitungen mußten ihr Erscheinen einstellen. Jahrelang haben die Politiker, nicht nur die der heutigen Bonner Koalition, zu dieser Entwicklung geschwiegen oder sie verharmlost. Deshalb war es für mich in den letzten Tagen eine große Überraschung, daß einige Medienexperten der SPD und der Gewerkschaften zu der späten Erkenntnis gekommen sind, Werbung in Hörfunk und Fernsehen widerspreche eigentlich dem öffentlich-rechtlichen Auftrag. Das ist für mich ein positives Zeichen.

So wie man im Zeitalter der Düsenflugzeuge keiner Fluggesellschaft zumutet, mit Propellermaschinen zu fliegen, so darf der Verleger nicht von den modernen Informationsmedien ausgeschlossen bleiben. Das war, ist und bleibt meine Forderung.

Ich werde auf jeden Fall nicht müde werden, auf diese Benachteiligung der Presse in unserem Land hinzuweisen. Wie ich auch nicht aufhören werde, den Anspruch der Verleger auf Teilhabe an den bisherigen elektronischen Medien und noch mehr an allen neuen, auf uns zukommenden Informationssystemen zu vertreten. Im Interesse unserer Leser und in Wahrung des Auftrags, den ein Verleger in einer freien Gesellschaft hat. Trotz all dieser Wettbewerbsverschiebungen aber werden wir weitermachen wie bisher, werden uns der täglichen Abstimmung an den Kiosken stellen und uns bemühen, diese Abstimmung Tag für Tag neu zu gewinnen. Dies ist möglich dank der großen Zahl hervorragender Journalisten, die für mein Haus arbeiten.

Sie alle wurden und werden mitgeformt und motiviert durch den ganz besonderen Geist dieses Hauses, der es bewegt und belebt – seit seiner Gründung. Auch über diesen Geist gilt es heute zu sprechen. Dieser Geist unseres Hauses ist – neben dem verständlichen Erfolgsneid – der Grund vieler Angriffe. Er ist allerdings auch Anlaß für Wertschätzung, Anerkennung, ja begeisterte Zustimmung. Die einen nennen mich böse einen Hugenberg und wollen mich damit neben den schwarz-weiß-roten Medien-Machiavelli stellen, der Hitler den Weg zur Macht freidruckte. Andere heißen mich einen Träumer in Sachen Deutschland – offenbar weil dieser oder jener Träume für eine verderbliche Sache hält und nur gallige Aggressivität gelten läßt. Und das billige Wortspiel vom Brandenburger Tor zur Abqualifizierung meines Berliner Engagements war ein Fehlzünder; ich halte das sogar für einen Ehrentitel.

(…)

Eine der umstrittensten Entscheidungen in der Geschichte unseres Hauses war der Sprung nach Berlin. Nach schmerzhaften, aber klaren politischen Erkenntnissen während meines Aufenthalts in Moskau im Jahre 1958 erkannte ich, daß ein deutscher Verlag, der wirken will, nach Berlin gehört. Diese Entscheidung ist zugleich ein Beitrag zur Diskussion über die Mitbestimmung. Wenn sie Gültigkeit gehabt hätte für uns, das Haus stünde nicht in Berlin. Aber schon vor mir focht und wirkte ein Mann in unserem Hause im Sinne dieser Erkenntnis: Ich spreche von dem früheren Sekretär Gustav Stresemanns, unserem damaligen Verlagsdirektor Dr. Hans Funk, der heute hier unter uns sitzt. Dr. Funk gehört auch jetzt wieder zu meinen persönlichen Beratern. Sie haben mir damals die Augen auch dafür geöffnet, daß der Umzug nach Berlin allein nicht genüge, daß man vielmehr direkt an die Sektorengrenze heranrücken müsse. Dafür danke ich Ihnen, denn Sie behielten mit Berlin und der Bevorzugung des alten Zeitungsviertels recht. Dort, an der Kochstraße, entstand die neue Zentrale unseres Hauses. Der Spatenstich wurde getan während des Chruschtschow-Ultimatums gegen das freie Berlin. Am Tag des Mauerbaus wurde die Kelle nicht aus der Hand gelegt. Und seit dem 6. Oktober 1966 steht dort unser Turm der Freiheit.

Die Freiheit, die richtig verstandene Freiheit – die Freiheit zu etwas, nicht von etwas – ist ein felsenfester Bestandteil meines verlegerischen Glaubensbekenntnisses. Politisch halte ich Freiheit für wichtiger als territoriale Souveränitäten und Grenzen. Deshalb bin ich als deutscher Patriot trotz meines Bekenntnisses zur Rolle des Vaterlandes ein leidenschaftlicher Anhänger eines freien Europa. Wo Freiheit und Menschenrechte gelten, wo Gottes Gebote sittliche Richtschnur sind, da lebt Europa.

Was unsere Verpflichtung zum Kampf für die Freiheit angeht, so dienen wir diese Pflicht aber nicht ab, wenn wir den Blick nur in die Ferne, etwa nach Chile oder Südafrika, schweifen lassen. Die so gern gepflegte Fernstenliebe befreit uns nicht von der Pflicht, uns um die Freiheit in Deutschland zu bemühen. Es ist unser Landsmann in Magdeburg, Rostock oder sonstwo drüben, für den ich und für den wir alle zunächst Freiheit wollen. Sie werden vielleicht fragen: Was hat das alles mit unserer Feierstunde zum 30. Geburtstag des Hamburger Abendblattes zu tun? Nun, es hat mit dem eben erwähnten Geist zu tun, der dieses unser Haus bestimmt. Es ist ein Geist der Verantwortung, der Zuversicht, des Glaubens – des Glaubens, der für mich das Wissen des Herzens bedeutet.

(…)

Auch die Versöhnung mit den Juden und die daraus erwachsene Hilfestellung für Israel sind Teil meines Glaubens, von dem ich vorher sprach. Oft werde ich gefragt, weshalb ich gerade diesem Problem so viel Bedeutung beimesse. (…) Ich halte es für die Voraussetzung der moralischen Wiedergeburt Deutschlands. Es ist ein Leitstern bei der Bewältigung schwerer nationaler Prüfungen – bis hin zum Problem der geteilten Hauptstadt; und ich danke meinen Chefredakteuren, die auf diesem Weg so getreulich folgen. Daneben will ich nicht verschweigen, daß ich in der Frage des Volkes Israel auch einen zentralen Punkt meines religiösen Glaubens sehe. Für mich gilt das Wort der Bibel.

Wenn ein Volk 2000 Jahre schrecklichste Verfolgung übersteht und dann die ihm gegebene Verheißung erfüllen kann, wieder in seinem Land zu leben, so ist das ein Vorgang, der göttliche, nicht menschliche Dimensionen hat. Heute morgen lasen wir, daß der Friedensnobelpreis an den ägyptischen Staatspräsidenten Sadat und den israelischen Ministerpräsidenten Begin verliehen worden ist. Bei aller Skepsis gegenüber Friedensnobelpreisen war es für mich eine aufrichtige Freude zu sehen, daß diesen beiden Männern diese Auszeichnung zuteil wurde.

Ich sagen Ihnen das hier auf diesem Jubiläum, damit Sie wissen, was hinter dem Mann steht, der das Hamburger Abendblatt", Bild und Hörzu, die Funk Uhr, Bild am Sonntag, Welt und Welt am Sonntag, BZ, Berliner Morgenpost und noch ein paar andere Dinge macht.

Wir tun das alles übrigens für Menschen verschiedenen Alters, verschiedenen Glaubens, unterschiedlicher Einkommen und unterschiedlicher Bildung. Manches an diesen Druck- und Verlagserzeugnissen scheint of unvereinbar. Denn sie werden von Menschen gemacht, die Weltkinder sind, den Gesetzen von Markt und Zeitläuften unterworfen, Irrtümern ausgesetzt und dem Reiz von Pointe und News ausgeliefert.

Ich benutze die Gelegenheit dieses Jubiläums, um all diejenigen um Entschuldigung zu bitten, denen in irgendeinem Blatt meines Hauses einmal Unrecht getan wurde. Mit manchem, was wir publizieren, bin ich nicht einverstanden. Wie könnte es bei dieser Fülle des Angebots anders sein? Doch ich fühle mich nicht als Zensor und nicht als Unterweiser – wenn es nicht um Grundprinzipien geht.

(…)

Unser Haus ist ziemlich groß geworden, größer, als es mir eigentlich lieb ist. Aber ich weiß, daß Größe und die damit verbundene wirtschaftliche Stärke Voraussetzungen sind für die Stabilität und damit – und das ist immer meine größte Sorge – die Sicherheit der Arbeitsplätze. Die Größe hat mich auch dazu gebracht, mir immer wieder den Kopf darüber zu zerbrechen, ob ich in Ihrem Sinne, meine lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, richtiger handelte, wenn ich andere Partner an dem Unternehmen beteiligen würde. Immer wieder bin ich bei solchen Überlegungen allerdings zu der Erkenntnis gekommen, daß jede Partnerschaft Einengung der unternehmerischen und dabei besonders der verlegerischen Möglichkeiten bedeuten würde. Deshalb klipp und klar: Ich bleibe der alleinige Inhaber!

(…) Als Verleger mit einer Mannschaft, wie sie mir zur Verfügung steht, gibt es aber nur einen Weg: vorwärts.

Ich denke so oft an Martin Luthers schönen Satz: "Auch wenn ich wüßte, daß morgen die Welt unterginge, würde ich doch heute noch einen Apfelbaum pflanzen!"

Lassen sei uns gemeinsam noch viele Apfelbäume pflanzen!