Drucktechnik, die ihresgleichen sucht




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Drucktechnik, die ihresgleichen sucht

Ansprache Axel Springers anläßlich der Grundsteinlegung der Offset-Druckerei in Ahrensburg an seinem 70. Geburtstag, 2. Mai 1982

(…)

Per Saldo bin ich froh und zufrieden, daß ich schließlich doch Verleger, d. h. Journalist geworden bin. Aber ich kannte schon immer die Schwierigkeiten des Berufes. Ganz deutlich wurde mir das wieder, als mir vor einiger Zeit der ranghöchste Mann in der heutigen Bonner Regierung sagte, ihm genügten eigentlich fünf Zeitungen im Lande, wenn er nur das Fernsehen zur Verfügung habe.

In diesem – sicher nicht abgewogenen – Urteil steckt die ganze Problematik der Zeitung in unseren Tagen. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde das Wort Zeitung für "Nachricht" oder "Information" gebraucht. Später war die Zeitung die gedruckte Information, die gedruckte Nachricht.

Seit die Zeitungen durch den Funk und besonders das Fernsehen das Erstrecht auf die Nachricht verloren haben, ist das Zeitungmachen viel schwieriger geworden.

Das Zeitungssterben, nicht nur bei uns, sagt viel darüber aus. Die Zeitungen, die in dieser neuen Offsetdruckerei hergestellt werden, sind deshalb auch als Antwort an die Konkurrenz von Hörfunk und Fernsehen gedacht. Neue elektronische Techniken und besonders die Farbe sollen uns helfen, den Anschluß zu halten. Und das ist eine Aufgabe nicht nur für die Blätter meines Hauses. Im Gegenteil: Ich bin der Meinung, daß große Häuser auch dabei mithelfen, kleinere den Lebensraum freizuhalten.

So haben wir das, entgegen dem Gerede von Springer als dem Vernichter der deutschen Zeitungen, in der Vergangenheit immer gehalten. So werden wir das auch in Zukunft halten.

Ich sagte, daß ich trotz anderer Jugendwünsche Verleger wurde. Das bedeutet jetzt für mich auch die Verantwortung für 12.000 angestellte Mitarbeiter, was einer Betriebsfamilie von ungefähr 50.000 Menschen entspricht. Die Arbeitsplätze für diese 12.000 Mitarbeiter und damit die wirtschaftliche Basis für ihre Familien zu erhalten und zu sichern, ist einer der Gründe, die zum Bau dieser Offsetdruckerei geführt haben. Das Ahrensburger Werk, auf dessen Gelände wir uns jetzt befinden, hat ja schon einen guten Ruf weit über unser Land hinaus als hochmoderne Tiefdruckerei, in der unter anderem der größere Teil der Vier-Millionen-Auflage von Hörzu gedruckt wird.

(…) Wir haben hier den Grundstein gelegt für Investitionen in einer Zeit, in der Jahr für Jahr die Gewinne der Unternehmen zurückgehen, soweit es überhaupt noch Gewinne gibt. Investitionen in einer Zeit, in der die Kosten für die Fremdfinanzierung, d. h. die Zinsen, extrem hoch sind. Investitionen in einer Zeit, in der kein Mensch weiß, welchen Kurs die deutsche Wirtschaftspolitik verfolgen wird. Die Unsicherheit darüber ist nach dem Münchener SPD-Parteitag ja nicht kleiner, sondern größer geworden. In einer solchen Zeit gewissermaßen antizyklisch zu investieren, dieses Wagnis gehen wir heute bewußt ein. Es ist das ein Wagnis, das ein Mann vielleicht gar nicht eingehen würde, der nur in wirtschaftlichen Kategorien denkt. Dazu bedarf es wohl dieser komischen Mischung, die sich Verleger nennt.

Ich bin ja immer der Meinung gewesen, daß an der Spitze eines Zeitungs- oder Zeitschriftenhauses ein Journalist stehen soll. So gut wie alle leitenden Männer meines Hauses kommen aus dem Journalismus. In der allgemeinen Industrie mag das anders sein. Da ist ein Manager eines Stahlkonzerns sehr oft auch fähig, zur Chemie oder zum Bergbau überzusiedeln. Bei uns ginge das nicht. Aber wir Journalisten, seien wir Zeitungsmacher oder Manager, müssen immer auch wissen, daß all unsere Einfälle, all unsere Ideen nichts wert sind, wenn sie nicht umgesetzt und an den Mann gebracht werden. Zum Umsetzen brauchen wir die Technik. Zum An-den-Mann-Bringen den Vertrieb. Und zur Finanzierung des Ganzen brauchen wir auch die Anzeigen, da heutzutage kein Leser mehr bereit ist, für seine Zeitung oder seine Zeitschrift einen Preis zu zahlen, der die vollen Kosten deckt.

Gestatten Sie mir ein paar Worte zur Technik, denn um die Technik dreht es sich ja bei dem geplanten Neubau. Wir alle können stolz auf das sein, was hier geschaffen wurde und was geschaffen wird. Wir werden hier eine Drucktechnik haben, die qualitativ in der Welt ihresgleichen sucht, ja, die teilweise hier zum allerersten Male eingesetzt wird. Die Zeitungen, die hier produziert werden, werden in Hamburg, in der Kaiser-Wilhelm-Straße, redigiert und zusammengestellt. Die dort schon mit elektronisch gesteuerten Redaktionssystemen zusammengebauten Seiten werden über den Hamburger Fernsehturm durch Richtfunk hierher übertragen. Für eine Seite brauchen wir dafür ungefähr eine Minute.

(…) Alle Pläne zu der Druckerei entstanden im eigenen Haus – und so danke ich hier all denen, die an der Planung mitwirkten. (…) Aber ich danke auch alle denen, auf deren Erfahrung im Haus wir zurückgreifen können. Denn schon seit 1970 laufen ja unsere Offsetversuche in Hamburg. Und seit 1973 arbeitet unsere Offsetdruckerei in Kettwig an der Ruhr. Wir waren in diesem Land die Pioniere. Inzwischen sind uns manche gefolgt.

Lassen Sie mich wiederholen: Wir alle können stolz auf das sein, was hier in Ahrensburg bisher entstand und was in den nächsten zwei Jahren entstehen wird. Auch der Standort ist richtig. Hier, vor den Toren Hamburgs, in unmittelbarer Nähe der Autobahn, bekommen wir unsere Zeitungen und Zeitschriften schneller und ungestörter auf die Versandwege, als wenn wir weiterhin mitten in der Großstadt produzieren müßten. Auch freut mich besonders, daß von hier der Transportweg nach Berlin relativ kurz ist – und auch der in andere Städte östlich von Hamburg und Lübeck. Schließlich dürfen wir ja nicht in zu kurzen Zeiträumen denken, und müssen darauf vorbereitet sein, eines Tages von hier aus Zeitungen nach Schwerin, Rostock und Neuruppin liefern zu können. Denn auch unsere Landsleute dort haben ein Recht darauf, eine freie Presse zu haben und damit auch alle anderen Freiheiten zu genießen, die wir hier leider so oft leichtsinnig mißbrauchen.

Die Geschichte hat zum Glück einen längeren Atem als wir kurzatmigen Menschen. Und was die Zukunft unseres Landes in Freiheit, die Zukunft des ganzen Landes meine ich, was diese Zukunft anbelangt, so geschieht letzten Endes immer etwas, wenn nur der Wille vorhanden ist. Wenn ich mich hier als Prophet betätige, dann ist damit die Frage nicht beantwortet, ob der Prophet das gelobte Land auch betreten wird, das er gesehen hat. Das liegt in Gottes Hand. Ich wäre dem Herrgott schon dankbar, wenn mein Wirken mitgeholfen hätte, den Strom ein ganz klein wenig in die richtige Richtung zu leiten.