Ein Deutscher in Jerusalem




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Ein Deutscher in Jerusalem

Diese Rede hielt Axel Springer am 24. März 1969 anläßlich der feierlichen Eröffnung der Bibliothek des Israel-Museums in Jerusalem.

(…)

Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß meine Gedanken schon immer in Ihr Land wanderten, seit es zur Heimstätte für so viele meiner ehemaligen Landsleute wurde, die ohne diese Zuflucht wie Millionen anderer ein furchtbares Schicksal hätten erleiden müssen. Mit Achtung und Bewunderung verfolgte ich den Weg, den Sie gegangen sind. Scheu und Beklommenheit hielten mich, den Deutschen, allerdings lange davor zurück, Ihnen schon damals meine Zuneigung hier, in Ihrem Land zu zeigen.

Oft habe ich zu Hause darüber gesprochen. Es war dann ein Freund aus frühen Kindheitstagen, der mir nach seiner eigenen Reise in Ihr Land sagte: "Axel, ich kenne seit Jahren Dein Interesse am Heiligen Land und weiß von Deinem Wunsch, irgendwann einmal ein Zeichen der Verbundenheit mit Israel geben zu können. Ich glaube", meinte mein Freund, der Bundestagsabgeordnete Erik Blumenfeld, eines Tages, "die Zeit ist reif."

Ich folgte seinem Rat und machte mich auf den Weg. Dieser erste Besuch, der mich in alle Teile des Landes brachte, wird mir Zeit meines Lebens unvergessen bleiben. Auf dieser Fahrt sah ich nicht nur, was Sie alle mit dem Fleiß Ihrer Hände und mit Ihrem so hellwachen Verstand an Wundern vollbracht haben. Ich sah auch öffentliche Gebäude und Institute mit Plaketten, die Namen von Menschen aus aller Welt trugen, Menschen, die dieses oder jenes Haus gebaut oder gestiftet hatten.

Namen von Deutschen fand ich nicht darunter. Natürlich nicht. Wäre es nicht schön, auch mitbauen zu dürfen, fragte ich mich leise. Einen Beitrag zu leisten am Aufbau, am Neubau der Zukunft, die vielleicht die Vergangenheit überwinden könnte?

Auf dieser Reise fand auch mein erster Besuch in Jerusalem statt; er begann im Amtszimmer des Bürgermeisters. Wir waren kaum angekommen, da führte uns Teddy Kollek hinauf auf die Zinne des Rathauses, und wir blickten hinunter auf die Mauer, die damals noch Jerusalem teilte.

Und er sprach von der Einheit Jerusalems. Diese Vision in einer aussichtslos scheinenden Lage hat mich tief beeindruckt – vielleicht auch deshalb, weil ich ja gerade aus Berlin, dieser auch zweigeteilten Stadt gekommen war, wo ich mein Haus nicht irgendwohin, sondern direkt an die Mauer gebaut hatte. Bei diesem ersten, nur auf Stunden bemessenen Besuch kristallisierte sich dann die Möglichkeit meiner Mitarbeit am Museum heraus. Glücklich, mithelfen zu können, flog ich nach Berlin zurück. Wenig später erreichte mich die Kunde, daß sich um diese Mithilfe eine Kontroverse zu entwickeln drohte.

Es war nur zu verständlich, daß manche in diesem Land den Gedanken unerträglich fanden, einen wesentlichen Teil einer großen Kulturinstitution ganz offen mit Nennung seines Namens von einem Deutschen errichten zu lassen. Ohne lange zu überlegen, schickte ich ein Telegramm an Teddy Kollek, in dem ich sagte:

"Mithelfen zu dürfen, jedoch nicht als Helfer genannt zu werden, war mein spontaner Wunsch, als ich das so schöne und bedeutende Israel-Museum in Ihrer Stadt sah. Bitte, sagen Sie das den Herren, die sich heute Sorgen machen, und daß die gewünschte Anonymität für mich nichts Verletzendes hat." Wie froh war ich, als kurz darauf eine so freundliche Antwort des Bürgermeistes kam. Das Vorhaben der Zusammenarbeit war gerettet.

Zu jener Zeit schrieb mir Konrad Adenauer: "... Ihre Idee, als Privatmann das Museum in Israel zu unterstützen, findet meine Anerkennung und Hochachtung. Es ist ein weiterer Markstein auf dem harten und schwierigen Weg bei der Erreichung der politischen Ziele, die mir am meisten am Herzen liegen: der Wiederaussöhnung des deutschen mit dem jüdischen Volk."

Im Herbst desselben Jahres, am 8. November 1966, war dann die Grundsteinlegung, umrahmt von einer schlichten Feier. Und damals begann etwas Merkwürdiges: Aus dem Interesse an diesem schönen Projekt und weit darüber hinauswachsend, entwickelte sich in mir ein Gefühl der Mitverantwortung oder zumindest der Mitsorge um das ganze Land. Menschlich war ich schon immer engagiert gewesen; nun kam dazu das viel wesentlichere politische Engagement.

Bald nach einem weiteren Besuch in Israel im Frühjahr 1967, (…) hatte ich Gelegenheit, in Washington den damaligen Präsidenten Johnson zu sprechen. Unser Gespräch (…) handelte fast ausschließlich von Israel. Ich hatte mich zum Befürworter wirtschaftlicher Wünsche dieses Landes gemacht. Im weiteren Verlauf der Unterhaltung stieß ich zwar auf Erstaunen, aber gleichzeitig auf höchstes Interesse, als ich meiner Befürchtung Ausdruck gab, daß es in Kürze einen Krieg zwischen Israel und seinen Nachbarn geben könne. Diese Vorahnung, die ich auch gegenüber Außenminister Rusk äußerte, hat dann allerdings den Schock und das Entsetzen nicht verhindern können, das mich wie alle Welt ergriff, als sich die Dinge hier tatsächlich zum Krieg entwickelten.

Es war damals Ihr Botschafter in Deutschland, Asher Ben Natan, der mich sehr bald beruhigte und mir sagte, ich brauchte mir um die Kraft Israel, sich gegenüber seinen Feinden durchzusetzen, keine Sorgen zu machen. Konnte man das glauben? Das Wunder fand statt.

Damals, vor und während Ihres Dreifrontenkrieges, war ich ganz nebenbei zu einer Art Israel-Berater für die Redaktionen meiner Blätter geworden. Ich konnte meinen Redakteuren sagen, wie die Dinge wirklich lagen, und daraus hat sich eine Haltung der Zeitungen meines Hauses entwickelt, die sich bis heute nicht verändert hat.

Ich will nun keinesfalls die Diskussionen um mein Verlagshaus, das einige Leute in Deutschland zu groß finden, in Ihr Land tragen. Aber eines darf ich vielleicht erzählen: Die deutsche Bundesregierung hat sich im vergangenen Herbst von einem Universitätsinstitut die Frage beantworten lassen, ob es innerhalb meiner Blätter nur eine einheitliche, uniforme Meinung gebe. Das Institut hat daraufhin eindeutig erklärt, es gäbe keine Uniformität der Meinungsäußerung. Mit einer einzigen Ausnahme allerdings: in der Haltung gegenüber Israel seien die Meinungen all meiner Blätter völlig identisch. Wir mir einer deshalb einen Vorwurf machen? Ich trage das mit äußerster Gelassenheit. Als ich dieses Ergebnis kurze Zeit darauf anläßlich einer Rede vor einem großen Forum deutscher Bankiers und Industrieller vortrug, erntete ich minutenlangen Beifall. Ein Spaßvogel hat damals gesagt: „Während des Sechs-Tage-Krieges hat Axel Springer in Deutschland sechs Tage lang israelische Zeitungen herausgebracht. Sein Instinkt für Verkaufsmöglichkeiten hat ihn allerdings daran gehindert, die Zeitungen in hebräischer Sprache zu drucken.“

Als sich der Pulverrauch des Krieges noch kaum verzogen hatte, Mitte Juni 1967, war ich schon wieder hier. Ich muß gestehen: In jenen Tagen war mir dieser Bau beinahe nebensächlich geworden. Nur flüchtig besichtigte ich die Baugrube. Die Arbeiten waren natürlich eingestellt; alle Ingenieure und Arbeiter waren ja beim Militär. Ich hätte damals nie gedacht, daß dieser Bau dann doch eines Tages termingerecht fertig werden würde. Aber in diesem Land ist eben alles möglich!

Unvergeßlich dann am Morgen nach meiner Ankunft um sechs Uhr ein Rundgang mit Teddy Kollek durch die wegen der Sperrstunde noch menschenleeren Gassen und Straßen der Altstadt! Eine Vision war Wirklichkeit geworden. Wie oft hatten meine Freunde und ich vom Hotel King David mit brennenden Augen hinübergeblickt in den anderen Teil der Stadt. Nun war die Trennungsmauer gefallen. Es gehört auch zu den Wundern meines Lebens, daß sich das erfüllte. Und ich kann nur Theodor Herzl zitieren: "Wenn Ihr es wollt, ist es kein Märchen."

Zu dieser Schilderung "Wie kam es eigentlich zu all dem?" gehört auch, daß ich auf dem Rückflug von diesem Besuch in den ersten Tagen nach dem Sommerkrieg in Rom Station machte und dort ein beglückendes Gespräch führen konnte mit dem inzwischen verstorbenen deutschen Kurienkardinal Bea. Als Augenzeuge berichtete ich ihm von der wiederhergestellten Einheit Jerusalems und auch davon, wie ich selbst erlebt hatte, daß die Religionsausübung allen möglich gemacht, die Sicherheit und der Zugang zu den heiligen Stätten für alle Religionen garantiert waren. Ich fand bei Kardinal Bea offene Ohren und ein offenes Herz, und ich weiß, daß er meine Berichte und Gedanken weitergetragen hat.

(…)

Ich sprach bisher von Jerusalem, von Israel, von meiner Beziehung zu diesem Land, einer Beziehung, die mich glücklich und froh macht.

Erlauben Sie mir noch ein paar Worte über mich selbst: Vor Ihnen steht ein Deutscher – das sei auf diesem Boden und heute gesagt –, der von morgens bis abends seinem Lande zu dienen bestrebt ist. Dabei wissend, daß das neue Deutschland nicht nur mit den Aktiven, sondern eben auch mit den Passiven weiterzuführen ist. Ein Deutscher, der in der Trauer über sein zerrissenes Vaterland nie die Kausalität in der Geschichte übersieht. Das bedeutet, er weiß, woher das Unglück seines Landes rührt. Diese Erkenntnis läßt ihn aber nicht in seinem Bemühen erlahmen, das Unglück der Gegenwart zu überwinden. Ich weiß, daß die Geschichte einen langen Atem hat und daß sie nur die Ausdauernden belohnt.

Manchmal werde ich gefragt: Warum engagieren Sie sich so für Israel?

Lassen Sie mich versuchen, eine Antwort zu geben. Ich weiß: Das Unaussprechliche, das im deutschen Namen geschah, kann nicht ungeschehen gemacht, kann auch nicht "bewältigt" werden. Eine Wiedergutmachung im wahren Sinn des Wortes gibt es nicht.

Was bleibt, ist nur eins: die historische Chance zu nutzen, die der Herr der Geschichte offensichtlich meinem Volk eingeräumt hat. Sie heißt: Dem Staat Israel fest durch alle Fährnisse zur Seite zu stehen. Dem Staat, den sich die Kinder und Brüder derer gebaut haben, die von Deutschen gemordet wurden. Diesem Staat und seinen Menschen zur Seite zu stehen in praktischer Mitarbeit, in einer keine Gegenseitigkeit fordernden Treue, ganz einfach in Liebe. Keine weinerliche Selbstanklage kann dies ersetzen. Auch nicht jene unverbindliche Freundschaft, die nur so lange wirksam ist, wie ein mutiges Bekenntnis zum Staat Israel nicht gefordert wird. Liebe ohne die Kraft, gemeinsam durch Stationen der Einsamkeit und Verlassenheit zu marschieren, ist keine Liebe.

Und noch eins halte ich für wichtig festzustellen: Ich glaube, daß es heute, 20, ja fast 25 Jahre nach dem Ende des Grauens wichtiger in Deutschland ist, von Zeit zu Zeit diese Passiva in der Geschichte unseres Volkes zu erwähnen, als es damals war. Damals, 1945, war alles noch präsent, der Schrecken, das Entsetzen, die Scham, das Mitgefühl, und auch die Angst vor Strafe – sie saßen uns allen in den Gliedern.

Um unser selbst willen hielte ich es nicht nur für falsch, sondern sogar gefährlich, würden wir Deutschen den Versuch machen oder zulassen, das Vergangene zu verdrängen. Keinem, der diese Jahre miterlebt hat, ist das gestattet.

Als wir vor zweieinhalb Jahren hier den Grundstein zu diesem Bau legten, erinnerte ich an eine Fahrt, die ich vor etwa 15 Jahren mit meinem Sohn Axel an einem regennassen Tag in die Lüneburger Heide machte, um ihm in der Abgeschiedenheit des menschenleeren Lagers von Bergen-Belsen die Wirklichkeit, so wie man sie im Nachhinein noch sehen konnte, zu zeigen. Ich faßte den Mut, dem Jungen zu sagen:

„Nimm deine Hände und geh ins Erdreich hinein. Mache deine Erfahrungen. Es kann sein, daß du einmal mein Nachfolger sein wirst. Dann sollst du wissen, was einmal in Deutschland geschehen konnte.“

Wir Älteren wissen, daß wir mit dieser schrecklichen Vergangenheit, die wir nicht mehr ändern können, leben müssen. In der Gegenwart aber, die uns vor neue und härteste Prüfungen stellt, müssen wir uns bewähren, um so die Zukunft gewinnen zu können. Aus dieser Zukunft habe ich heute hier in diesen Räumen eine Vision vor Augen: Ich sehe meinen jüngsten Sohn Raimund, der heute 6 Jahre alt ist und 14 Jahre nach der Gründung Israels geboren wurde, als erwachsenen jungen Mann in den Clubräumen des Israel-Museums sitzen. Neben ihm ein israelischer Freund, und das Gespräch der beiden ist getragen von einer Unbefangenheit, wie kein Erwachsener unserer Generation sie haben kann. Ich sehe die beiden Arm in Arm das Gebäude verlassen, vielleicht an jener Plakette vorbeikommend, auf der Raimund den Namen liest, den auch er trägt. Und ich höre ihn sagen: "Ich weiß, der Tag der Einweihung dieses Hauses war einer der glücklichsten im Leben meines Vaters, wenn auch keinesfalls frei von rückschauender Trauer."

"Aber der Vater war damals glücklich, weil er glaubte, einen geringen Beitrag zu leisten, daß du und ich uns hier so völlig unbefangen gegenübertreten. Es war sein heißer Wunsch, daß wir zwei ohne die Schatten der Vergangenheit miteinander leben können."