Ein neuer Anfang im Nahen Osten




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Ein neuer Anfang im Nahen Osten

Den historischen Schritt zu einer dauerhaften Sicherung des Friedens im Nahen Osten kommentierte Axel Springer in einem Leitartikel in der Tageszeitung Die Welt vom 22. November 1977.

Die Welt hat den Atem angehalten, dann hat sie aufgeatmet – das Ereignis hat historischen Rang: Begin, der Israeli, und Sadat, der Araber, haben sich die Hände gereicht. Wenn wir die geschichtliche Kraft dieser Begegnung erkennen, meinen wir, daß sie prägend in die Zukunft wirkt.

Jedoch – wir wissen nicht, wie diese Zukunft sein wird, welche Kräfte hinter dem Tor auftreten werden, das geöffnet wurde. Sicher ist nach diesen Tagen nur, daß nichts mehr so sein wird, wie es vorher war.

Wenn Geschichte gemacht wird, dann sind es Menschen, die sie machen, außergewöhnliche Menschen mit ungewöhnlichem Format. Hatten nicht die Besserwisser und Wahrsager prophezeit, die Wahl des konservativen Begin zum israelischen Ministerpräsidenten werde die Fronten verhärten, die Aussöhnung erschweren? Sie haben sich alle geirrt.

Beide, Begin und Sadat, diese Politiker, die Staatsmänner sind, haben mit der Kraft ihrer Herzen und ihres Verstandes eine Selbstüberwindung vollbracht, die in der neuen Geschichte ohne Beispiel ist. Der Ägypter hat großen Mut bewiesen. Er wußte, als er nach Israel aufbrach, daß arabischer Fanatismus ihn als Verräter denunzieren, der arabische Terrorismus sein schlimmster Feind werden würde. Aber er ging seinen Weg. Sein Land aus der Umklammerung der Sowjetunion gelöst zu haben, war seine erste imponierende Tat. Der Weg nach Jerusalem war die größere – und für ihn weitaus gefährlichere.

Es schmälert nicht das Verdienst dieses Mannes um den Frieden, wenn wir erkennen, daß er den Interessen seines Landes auf diese Weise am besten diente. Er hatte wohl erkannt, daß Israel nicht zu besiegen war und daß allein in der Verständigung eine Chance für sein eigenes Volk lag. So handelte er nicht nur mutig, sondern auch klug. Ministerpräsident Begin aber hatte den längeren Schatten zu überspringen. Ihm mußte der Entschluß, Sadat zu empfangen, noch schwerer fallen, als Sadat der Flug nach Israel fiel; denn sosehr auch beide Männer heute unsere Bewunderung verdienen, so kann doch nicht verkannt werden, daß es um eine Begegnung zwischen ehemals Angegriffenen und ehemaligen Angreifern ging. Daß der Defensor dem Aggressor die Hand reichte, lässt die noch größere Kraft erkennen.

Kraft aber brauchten sie beide. Sie konnte nicht aus dem Verstand allein kommen. Hier haben die Formate der Charaktere mitgewirkt, hier haben auch ethische Motive die Schritte gelenkt. Die Stärke des Glaubens mag das Fundament gewesen sein, von dem der gläubige Jude und der gläubige Mohammedaner aufeinander zugingen. Beide Männer haben in Jerusalem gebetet. Jeder nach seinem Glauben. Es bedeutet keine unangemessene Verklärung des Geschehens, wenn wir Religiosität als die Macht wahrnehmen, die Feindschaft in Vertrauen wandelte. In Jerusalem scheint in diesen Tagen ein Wunder geschehen zu sein. Selbst Skeptiker vermögen das Wunderbare dieser Tat nicht zu leugnen.

Wer das Gewicht der Begegnung in Israel ganz ermessen will, darf seinen Blick nicht vor der Vergangenheit verschließen. Begin und Sadat reichten sich die Hände über Gräber hinweg. Die Erinnerung an die Toten der arabisch-israelischen Kriege, an die Gefallenen beider Seiten hätte diesen großartigen Friedensversuch verhindern können. Es scheint ihn aber – dank der seelischen Stärke der Handelnden – eher ermöglicht zu haben.

Als in diesen vergangenen drei Tagen Wirklichkeit wurde, was als Traum schon vermessen schien, wurden in Israel Tränen vergossen. Wo Tränen fließen, sprechen Seelen. Der Tapferste ist, wenn er weint, am glaubwürdigsten.

Sprach hier allein das Gefühl, das – nach Meinung nüchterner und ernüchternder politischer "Sachverständiger" – in der Politik nichts zu suchen hat, sie sogar verdirbt, weil ja doch nur "Emotion" zu nennen wäre, was in menschlichen Herzen vorgeht? Nein. Verstand und Gefühl tragen beide auch in der Politik zur Urteilsbildung der Menschen bei. Wo nur Verstand waltet, gedeiht nichts. Wo nur Gefühl spräche, mißlänge alles. Denken und Fühlen gehören zusammen, wo Menschen Zielen zustreben, Wege suchen, Orientierung finden. Klugheit und Liebe sind ebenso abhängig vom Denken und Empfinden wie Dummheit und Haß. Und wer das Wesen der Begegnung zwischen Begin und Sadat nur "verstehen" will und es nicht auch erfühlen kann, wird es nie erjagen.

Natürlich löst der große Tag von Jerusalem noch nicht die Probleme, die auf Israelis und Arabern in scheinbarer Ausweglosigkeit lasten. In die Harmonie des Besuches tönten nicht überhörbare, allzu schrille Mißklänge: Aus Libyen, Syrien, Algerien, dem Irak und besonders aus Kreisen der Palästinensischen Befreiungsfront kommen nicht zu überbietende Worte der Verdammung gegen den Mann, der es gewagt hatte, den Teufelskreis des Hasses zu durchbrechen; Verdammung nur, weil er ins Land der Juden gegangen war, denn sachlich ist er ja von keiner einzigen arabischen Forderung gegen Israel zurückgewichen.

Wie zu erwarten war, erhalten die Radikalen im arabischen Lager lautstarke Schützenhilfe aus den kommunistischen Ländern des europäischen Ostens, besonders aus der Sowjetunion, die sich nicht einmal scheute, die Kurzwellen-Übertragung der Rede Sadats vor der Knesset durch Heultöne ihrer Störsender an den Stellen unverständlich zu machen, an denen der Ägypter vom "Frieden in den arabischen Ländern und in Israel" sprach. Dieser Friede wäre eben die endgültige Niederlage der Politik des Kremls im Nahen Osten.

Nur Träumer erlaubten sich zu hoffen, daß der Konflikt zwischen Israel und seinen Nachbarn durch den Besuch Sadats über Nacht aus der Welt geschafft werden könnte. So einfach ist das nicht. Aber der Boden ist bereitet, auf dem Lösungen keimen und wachsen können. Die Luft ist gereinigt, die zum Atmen notwendig ist, um Gegeneinander in Nebeneinander und schließlich in Miteinander zu verwandeln.

Die Völker und Regierungen der westlichen Welt haben jetzt viel dazuzulernen. Ihre Politik hatte sich bisher an der Unversöhnbarkeit zwischen Israelis und Arabern orientiert, hatte die Kräfte der Zerstörung und des Hasses umworben, ja auf die Podien internationalen Ansehens gehoben.

Die Angst vor dem Terror diktierte die politischen Entscheidungen, die Sorge um das Öl ließ viele westliche Regierungen zu Kollaborateuren mit dem Unrecht werden. Besonders Europa hat immer wieder versagt. Und daß es in diesen Tagen wegen des französischen Einspruchs zu keiner gemeinsamen europäischen Unterstützung der historischen Begegnung im Heiligen Lande kommen konnte, ist eine zugleich schmerzhafte und beschämende Erfahrung.

Die Angst des Westens war aber nicht die Angst Begins und nicht die Sadats. Diese beiden Männer waren mutiger als ein Dutzend europäischer Kabinette, waren weiser sogar als der Mann im Weißen Haus in Washington. Dem Versuch zum Frieden, den Begin und Sadat unternahmen, werden Versuche anderer folgen, deren Ziel Zerstörung, Totschlag, ja Krieg ist. Das muß man wissen. Es wird Rückschläge geben und Zweifel daran, ob der Keim der Hoffnung zur Frucht der begründeten Zuversicht gedeihen kann.

Amerika und auch das freie Europa müssen wachsam bleiben. Besonders Israel wird auch künftig Freundschaft brauchen, Hilfe, Beistand, Ermutigung. Es kommt darauf an, weiter fest an der Seite Israels zu stehen – aufrecht, aber seit diesen historischen Tagen nun auch mit einer Verbeugung gegenüber dem Mann in Kairo, der den Mut aufbrachte, seine eigenen Vergangenheit abzuschütteln um einer besseren Zukunft willen. Menschen aller Nationen und aller Religionen, die die Aussöhnung im Nahen Osten ersehnen, sollten sich nicht scheuen, für diesen Frieden zu beten, so, wie Begin und Sadat getrennt und doch gemeinsam in Jerusalem gebetet haben.