Einige Tage im Leben des Axel Springer




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Einige Tage im Leben des Axel Springer

Für den Film "Einige Tage im Leben des Axel Springer", den die ARD am 22. Juni 1970 ausstrahlte, führte die Journalistin Renate Harpprecht ein Interview mit dem Verleger. Hier sind einige Ausschnitte daraus wiedergegeben.

Renate Harpprecht: Wie beurteilen Sie die Chancen der Wiedervereinigung Deutschlands?

Axel Springer: Die Verhältnisse haben sich verschlechtert, und man kann real gar keine Möglichkeiten sehen, darauf wollen Sie doch hinaus; aber ich empfinde diese 25 Jahre lediglich als einen kurzen Stoßseufzer der Geschichte – wenn wir z.B. an die Franzosen denken, die von 1871 bis 1918 Elsaß-Lothringen nicht vergessen haben. Ich glaube, wir sollten uns angewöhnen, in längeren Fristen zu denken, deshalb fühle ich mich nicht zurückgeworfen. Ja, ich sehe dieses Berlin eines Tages wieder als die Stadt in Deutschland, die Hauptstadt in Deutschland. Wenn Sie nun fragen, wann, dann würde ich sagen, ich fühle mich gesund, daß ich wahrscheinlich noch sehr lange lebe, daß es durchaus zu meinen Lebzeiten geschehen kann, aber ich räume ein, daß Propheten den Nachteil haben, sich zeitlich gelegentlich zu irren.

Harpprecht: Man hat manchmal den Eindruck, daß Ihre Zeitungen, vor allen Dingen die Bild-Zeitung, den Deutschen Hoffnungen eingeredet haben, die enttäuscht werden müssen.

Springer: Einschließlich der Bild-Zeitung haben wir den Deutschen keine Hoffnungen eingeredet, sondern wir haben ihnen vielleicht Ziele gezeigt, Ziele, die noch nicht erreichbar sind, und leidenschaftliche Menschen formulieren manchmal leidenschaftlich. – Daraus mögen Sie dann folgern, daß wir falsche Hoffnungen erweckt haben. Das haben wir sicherlich nicht getan, denn uns ist die Problematik einer Wiedervereinigung, oder ich möchte sagen, die Unmöglichkeit der Wiedervereinigung, im Augenblick durchaus bekannt. (…) Ich werde von vielen Leuten als eine der treibenden Kräfte für eine Wiedervereinigung angesehen. Ich befinde mich da in Übereinstimmung mit vielen meiner sozialdemokratischen Freunde, die es bis zum heutigen Tage geblieben sind. Ich glaube, das Ziel kann man nicht aus den Augen lassen, aber ich will auch einmal ganz mutig formulieren: Wiedervereinigung heißt ja doch in erster Linie Selbstbestimmung, Selbstbestimmung für die Deutschen, Freiheit für alle Deutschen, nicht nur für uns. Ich finde, es ist uns nicht erlaubt, die da drüben in der Unfreiheit sitzen zu lassen. Es ist uns einfach nicht erlaubt, insbesondere nachdem wir in der Vergangenheit unserer Geschichte schuldig geworden sind. Aber wenn Sie mich genau testen wollen, ob ich vielleicht mit zwei deutschen Staaten zufrieden sein könnte: da gibt es einen Weg, wenn die sogenannte "Deutsche Demokratische Republik" eine wirkliche deutsch geführte demokratische Republik ist, in der man leben kann bei voller Freiheit, in der die Bürger lesen können, was sie wollen, in der sie in den Kintopp gehen und das Stück sehen, das sie sehen wollen. In der es, wenn’s klopft an der Tür, der Milchmann und nicht die Geheime Staatspolizei ist. Eine wirklich freie deutsche demokratische Republik, in der die vollen Menschen- und Freiheitsrechte gelten: diese Form der "Wiedervereinigung" würde ich akzeptieren – als eine Folge des von uns begonnenen und mit Pauken und Trompeten verlorenen Krieges. Dafür würde ich an der Grenze gern einen kleinen Ausweis ziehen, um in den anderen deutschen freien Staat zu gehen.

Harpprecht: Und Sie meinen nicht, es wäre vernünftiger, die Realität der Existenz zweier deutscher Staaten zur Kenntnis zu nehmen, ohne Illusionen?

Springer: Das Wort "Realitäten" bringt mich um. Als Antwort darauf habe ich neben anderem ein Wort parat, das ein bedeutender Mann einmal gesagt hat. Dieses Anerkennen von schrecklichen Realitäten ist eigentlich die Ausflucht der Schwachen. Die Welt wird verändert durch Träume, durch Fleiß. Theodor Herzl hat es gesagt: "Wenn Ihr es wollt, ist es kein Märchen..."

Aber ich kann einen anderen zitieren, es ist schon ein ganz abgegriffenes Papier, auf dem das steht, was der unvergeßliche Ernst Reuter hier in Berlin gesagt hat: "Immer gibt es die Menschen, die in einer kritischen Stunde anfangen davon zu reden, man müsse sich mit den Realitäten, mit den Tatsachen, mit den Dingen und den Verhältnissen abfinden."

Harpprecht: An der Aufrichtigkeit Ihres Engagements für Israel und sein Volk zweifelt wohl niemand. Auch die Motive brauchen nicht diskutiert zu werden. Sie sollten für jeden Deutschen, der Verantwortung für die jüngste Geschichte seines Landes empfindet, eine Selbstverständlichkeit sein, aber hinter dieser objektiven Pflicht, die Sie erfüllen, scheint es doch um etwas sehr Persönliches zu gehen.

Springer: Ich darf es vielleicht einmal mit ganz einfachen Worten sagen: Wir sollten das ja nicht vergessen, das Unaussprechliche, das in Deutschland geschehen ist, in der Vergangenheit; die sechs Millionen Toten, das ist nicht wieder gutzumachen. Wir wissen, es ist nicht ungeschehen zu machen, und ich empfinde die Möglichkeit, nun ganz praktisch etwas für die zu tun, die nachgeblieben sind und vielfach den Staat Israel ausmachen, gerade zu als ein Geschenk an die Deutschen. Jede Hilfe, die wir Deutschen diesem Staat angedeihen lassen können, ist Teil einer besseren und praktischeren Wiedergutmachung als so manches weinerliche Wort, das wir auch in unserem Lande hören.

Harpprecht: Sie sind im Dritten Reich aufgewachsen, wie viele in Deutschland. Sind Sie von den Anfechtungen damals durch Ihre Sympathien zu den Juden verschont geblieben?

Springer: Sicherlich durch die Liebe zu den Juden, ja. Natürlich auch durch die Erziehung im Elternhaus. Es kommt noch hinzu, glaube ich, daß von der Religion her, aus meiner Religion, deren höchstes und am schwersten zu erfüllendes Gebot ist "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", jeglicher Antisemitismus ausgeschlossen ist. Das hat mich bewegt und hat die Beziehung zu all meinen jüdischen Freunden sehr tief sein lassen.

Harpprecht: Ihre Rede zur Einweihung der Bibliothek, die Sie dem Israel Museum gestiftet haben, haben Sie mit einer Vision beendet: Sie sahen Ihren jungen Sohn Raimund und einen israelischen Freund Arm in Arm das Gebäude verlassen, das Sie bauen ließen, und Sie träumten davon, daß diese beiden völlig unbefangen miteinander umgehen würden. Was wollen Sie persönlich für diese Unbefangenheit tun?

Springer: Frau Harpprecht, ich glaube, daß heute überhaupt kein Jude und kein Deutscher unbefangen miteinander sprechen können. Dafür liegt zuviel Unglück in der Vergangenheit. Die Kinder werden es können. Und je mehr wir erwachsenen Deutschen tun, um das vergessen zu lassen, umso unbefangener werden sie sein. Ich bin sicher, daß mein heute siebenjähriger Sohn Raimund eines Tages mit einem israelischen Freund so unbefangen ist, wie Menschen miteinander sein sollten. Aber, das wird frühestens die Generation nach uns sein.