Fünfzehn Jahre Mauer in Berlin




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Fünfzehn Jahre Mauer in Berlin

In einem Artikel in der Tageszeitung DIE WELT vom 13. August 1976 äußerte sich Axel Springer zum 15. Jahrestag des Mauerbaus.

"So man aber euch Frieden und Freiheit rauben wollte, kämpft mannhaft für Freiheit und Vaterland." Das sagte kein moderner Nationalist. Es ist ein Wort des Schweizer Pater patriae Nikolaus von Flüe, Bruder Klaus, des Gottesmannes und Einsiedlers vom Melchtal. Er sagte es im 15. Jahrhundert als Motto an einem entscheidenden Kreuzweg der nationalen Unabhängigkeit der Schweiz.

Das Wort soll am Anfang stehen, wenn des sowjetkommunistischen Anschlags auf die deutsche Einheit und die deutsche Freiheit gedacht wird: der Errichtung der Berliner Mauer vor 15 Jahren. Man hat immer wieder gesagt, was da am 13. August 1961 gebaut wurde, sei eine Gefängnismauer. Doch was würde die Welt sagen, wenn irgendwo auf der Erde Gefängnismauern innen mit Tötungsautomaten versehen wären?

Daß es ein Bauwerk ist, nicht wie die Chinesische Mauer gegen Eindringlinge von außen, sondern gegen potentielle Freiheitssucher von drinnen errichtet, steht außer Zweifel. Es ist eine Gefängnismauer. Nicht nur die Geschichte, auch die Konstruktion belegt das. Aber es ist eben mehr als eine Kerkermauer: Die Stacheldrahtrollen, die spanischen Reiter, die Todesstreifen und die Minen, dann die Selbstschußautomaten und die Scharfschützen an den Schießscharten und auf den Wachtürmen machen das Ganze unbestreitbar zur militärischen Befestigungsanlage – ein sowjetisches Festungswerk mitten in der alten Hauptstadt Berlin und darüber hinaus quer durch Deutschland, errichtet 16 Jahre nach Beendigung der militärischen Operationen gegen Hitler-Deutschland.

Was da steht, dieses brutale Sinnbild eines barbarischen Regimes, ist in politischer, moralischer und völkerrechtlicher Beziehung eine Herausforderung für die zivilisierte Welt. Dieser GULag-Wall bedeutet seinem Sinn und der Realität nach Friedensbruch und Kriegsvorbereitung; denn hinter ihm, in seinem Schutz, sammeln sich hochgerüstete, offensive Militärverbände im Gewande von Grenztruppen. Sie haben Panzer, Geschütze und sind auf ABC-Kampfführung vorbereitet. Diese Befestigungsanlage und die Truppenverbände in ihrem Schutzbereich sind heute der elementarste Verstoß gegen das Recht auf Freiheit aller Deutschen, welches ein Grundrecht der Personen und der Völker ist, sowie gegen die Sicherheit und gegen den Frieden in Europa, der erst vor einem Jahr in Helsinki so heuchlerisch besungen wurde.

Die Erschossenen der Fluchttragödien sind Gefallene – gefallen im deutschen Freiheitskrieg; im "III. Weltkrieg", um Alexander Solschenizyn zu zitieren. Gefallene, deren Namen auf ein Ehrenmal gehören. Gefallene des jüngsten Krieges, der mitten in Deutschland, mitten in Europa geführt wird, an der makabersten militärischen Festungsanlage zur Sicherung eroberten Gebiets, die der Sowjetkommunismus in der Welt unterhält.

Man hört heute immer wieder, dieser GULag-Wall sei gebaut worden, weil die Kommunisten die Ausleerung ihres eroberten deutschen Gebietes hätten befürchten müssen; eine Ausleerung, die wegen des unerträglichen politischen Zwangs und des katastrophalen Versagens des Ostberliner Systems drohte. Statt die Fehler zu beseitigen, baute man Mauer und Zaun, um so die Barbarei zu schützen.

Der Kampf gegen die Mauer kann demnach nur ein Kampf um die Freiheit sein, die Freiheit all derer, die inmitten Deutschlands hinter dem sowjetischen Westwall eingesperrt sind.

Freiheit ist das Kriterium politischer Herrschaft im 20. Jahrhundert. Deshalb ist der freiheitsfeindliche Mauer-Wall Mittelalter, Barbarei, Kriegszustand zwischen Recht und Unrecht, zwischen Freiheit und Gewalt. Diese Mauer aber wirkt nur, solange wir sie fürchten und respektieren. Wenn wir sie verachten, wenn wir sie täglich als Beleidigung und Herausforderung empfinden, helfen alle Kalaschnikows und Todesautomaten nichts.

Der Gegner weiß das. Deshalb schießt er jetzt nicht nur auf Flüchtlinge von drüben, sondern auch auf Bürger und Arbeiter aus der freien Welt. Die roten Imperialisten behaupten, ihre Grenze stünde auf dem Spiel, weil "Provokateure" ihr die Abschreckung nehmen. Als ob die Todesautomaten auf der anderen Seite von fotografierenden Touristen entschärft werden könnten. Oder fürchtet man wirklich die geballten Fäuste zorniger westlicher Grenzbesucher?

Auf jeden Fall wurden militärische Einsatzkommandos gebildet, der Schießbefehl wurde härter gefaßt und so formuliert, daß jetzt nicht nur Flüchtlinge aus dem eigenen Staat, sondern auch Bürger aus dem unseren unter gezieltes Feuer genommen werden. "Keine Gnade" heißt die Parole. Abschußprämien in Form von Geld, Urlaub und Orden locken die Scharfschützen. Abdrücken lohnt sich. Die Folge ist Mord.

Wir fordern, daß diesem Krieg ein Ende gemacht wird. Die Aggression gehört geächtet; sie ist nicht besser als die Intervention der Kubaner in Angola. Denn sie ist Intervention. Sie ist Krieg gegen die Lebensform freier Menschen, Krieg gegen Recht und Freiheit.

Wir aber müssen demgegenüber Recht und Freiheit fordern für alle Deutschen. Und man sollte in der Bundesrepublik Deutschland endlich begreifen, was Hans Zehrer, dessen zehnter Todestag sich dieser Tage jährt, vor 15 Jahren schrieb: "Im Politischen ist die Freiheit immer noch identisch mit der Freiheit der Nation, in deren Raum sie erst wirklich wird." Was heißt das?

Hans Zehrer, der unvergessene Chefredakteur der Welt, der nach dem Krieg das Vaterland wiederentdeckte, hat es erklärt: "Die Freiheit existiert in der harten Wirklichkeit des Politischen nur in der Form der Selbstbestimmung und ist nur innerhalb der Einheit der Nation zu erringen und zu sichern. Die individuelle und persönliche Freiheit des einzelnen wäre bald verloren, wenn er sich nicht mehr aufgerufen fühlt, für die Einheit der Nation zu kämpfen und diese Idee einem System entgegenzusetzen, das davon träumt, die rote Fahne über Gesamtdeutschland und darüber hinaus wehen zu lassen."

Deshalb bleibt die Bundesregierung aufgerufen, im Namen und zum Schutze unserer Freiheit politische und völkerrechtliche Schritte zu unternehmen, damit die Errichtung und der Ausbau einer militärischen Befestigungsanlage mitten durch eine Nation und mitten durch eine Stadt international geächtet werden.

Die Berliner Mauer steht jetzt fünfzehn Jahre. Sie ist Kerkermauer und Angriffsbastion zugleich. Sie ist eine Beleidigung jedes Menschen, der die Freiheit liebt oder nach ihr dürstet, eine Quelle der Sorge für jeden, der gleichgültig wo in der Welt in Freiheit lebt.

Wie lange noch?