Hundert Jahre Ullstein




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Hundert Jahre Ullstein

Rede aus Anlass des hundertjährigen Bestehens des Ullstein Verlages am 9. September 1977.

(…)

Wer bin ich eigentlich, daß ich das gewaltige Bild von Anfang, Höhepunkt, Niedergang und Neubeginn dieses weltbekannten Verlagshauses schildern und rühmen dürfte? Wenn ich mich zurückbesinne, sehe ich mich im Verhältnis zu diesem Verlag der Eule eigentlich nur in zwei Momentaufnahmen:

Die erste: Der junge Mann aus Altona, noch kaum der Altersstufe eines Heiteren Fridolin-Lesers entwachsen, steht zu Beginn der dreißiger Jahre fassungslos vor dem, wie es mir schien, gigantischen Ullstein-Haus hier in der Kochstraße. Er bewundert rückhaltlos die reiche Palette der brillanten, amüsanten, geistvollen, im Handwerk des Zeitungs-, Zeitschriften- und Büchermachens souverän geerdeten Erzeugnisse. Es war ein Eindruck, der sich nie verlor!

Die zweite Momentaufnahme: Älter geworden, nach dem unseligen Krieg, diesmal in der Rolle des Getriebenen, der Berlin in seiner tödlichen Bedrohung beistehen wollte und hier an der Sektorengrenze, an der Grenze des sowjetischen Imperiums, die Aufgabe sieht, bei der Sicherung des freien Wortes, das heißt der Freiheit, mitzuwirken.

Es war Ende des Jahres 1959, als mir die Familie Ullstein die Verantwortung für ihr Erbe übertrug. Knapp achtzehn von hundert Jahren also durfte ich das Schicksal des Hauses Ullstein mitgestalten. Wer also bin ich, daß ich zusammenfassend und wertend über Ullstein oder gar über den Geist des Hauses – diese so oft verwandte Formulierung – hier sprechen dürfte? Ich will es Berufeneren überlassen, zu schildern und zu urteilen, Männern wie Hans Wallenberg etwa, den ich nicht nur deshalb zuerst nenne, weil er und seine Frau uns erst in den vergangenen Monaten verließen und der Abschiedsschmerz gerade in einer Stunde wie dieser wieder besonders wehe tut. Ich nenne Hans Wallenberg auch zuerst, weil er mit vielen Ideen dazu beigetragen hat, daß dieses Jubiläum des Hauses Ullstein zu einem bedeutenden Berliner Ereignis wurde, und weil er auch an dem Versuch beteiligt war, die vergangenen hundert Jahre des Hauses Ullstein in vier Bänden auszuleuchten und nachzuvollziehen.

Lassen Sie mich also den Versuch der Rückschau auf diese hinter uns liegenden hundert Jahre auf die Weise machen, daß ich die Zeugen dieses Geschehens zu Worte kommen lasse. Das sind viele, die nicht mehr unter uns sind, und zum Glück auch viele, die heute hier dabeisein können. Wie es dazu kam, daß der Gründer des Hauses, Leopold Ullstein, der jüngste von drei Brüdern, 1849 von Fürth nach Berlin umsiedelte, hat sein Enkel Frederick in seinem Beitrag für die Geschichte der hundert Jahre beschrieben:

"Die Familienchronik weiß zu berichten", heißt es da, "daß das Papiergeschäft in Fürth überaus gut ging, aber ein Stoßgeschäft war, so daß die Brüder zweimal im Jahr – wohl jeweils zwei Monate im Frühjahr und im Herbst – reichlich zu tun hatten, den Rest des Jahres aber ziemlich untätig in ihrem Büro saßen. Aus diesem Grunde, nämlich damit man die Untätigkeit nicht sehen könne, weigerten sich die beiden älteren Brüder, das Fenster putzen zu lassen. Der Streit um das ungeputzte Fenster ließ Leopold aus der Firma ausscheiden."

Leopold war auch in Berlin ein erfolgreicher Kaufmann, aber sein Beruf genügte ihm nicht. Er interessierte sich für Politik und wurde im Jahre der Reichsgründung in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt. Als er bei der Wiederwahl, sechs Jahre später, unterlag, reifte in ihm der Entschluß, über den Weg der Publizistik politisch zu wirken. So kam es zum Kauf eines in Schwierigkeiten geratenen Druckhauses zusammen mit der dort erscheinenden, nicht sehr bedeutenden Zeitung und damit zur Gründung des Ullstein Verlages. Leopold Ullstein selbst hat genau gewußt, was er tat. Das geht aus einem Brief hervor, den er einen Tag nach der Transaktion bereits an seine älteste Tochter Käthe richtete: "Gestern", schrieb er, "habe ich in der Tat und wirklich einen großen Kauf getan, nämlich eine Zeitung nebst Buchdruckerei."

Von Leopold Ullstein sagte 50 Jahre später Georg Bernhard, der Chefredakteur der Vossischen Zeitung, er habe "den Beruf des Verlegers nicht bloß als Bedrucken von Papier mit irgendeiner Meinung" aufgefaßt! Welch vertraute Töne! 1877 – was war das für eine Zeit? Das Reich stand sechs Jahre nach seiner Gründung stark, mächtig und einig da. Grenzenloser Optimismus regierte die Stunde. Bismarck begann mit seiner Schutzzollpolitik. Königin Viktoria nahm den Titel der indischen Kaiserin an. Transvaal wurde britische Kolonie. Hier in Berlin wurde die Ringbahn vollendet. Und ebenfalls hier in Berlin führte der Generalpostmeister Heinrich Stephan – 200 Meter von hier entfernt – das erste Telefongespräch. Ein neues Zeitalter brach an.

Es war eine Zeit des Aufbruchs, wenn auch der Beginn des Hauses Ullstein selbst relativ bescheiden blieb. Aber es war ein solider Anfang, der es erlaubte, ein festes Fundament zu bauen, das dann auch durch die oft unvorstellbaren Stürme von hundert Jahren standhielt.

Schon ein halbes Jahr nach dem Kauf der Druckerei erwarb Leopold Ullstein eine zweite Zeitung, die Berliner Zeitung, die unter ihrem Kurznahmen BZ noch heute erscheint und die auflagenstärkste Zeitung im freien Berlin ist. In diesem Jahr, 1878, erließ Bismarck einerseits das Sozialistengesetz und wurde andererseits Weltfriedensstifter auf dem Berlin Kongreß.

So reizvoll es wäre, hier Jahr für Jahr aufzuzählen und Ihnen in Erinnerung zu rufen, was jeweils bei Ullstein und was parallel dazu in Deutschland und in der Welt geschah – ich kann es mir nicht erlauben, Sie müßten sonst bis heute abend hier ausharren. Will man die Entwicklung des Ullstein Verlages knapper betrachten, die Jahre raffen, so zeigen sich vier erkennbare Perioden.

Als Höhepunkt der ersten, ungefähr bis zur Jahrhundertwende reichenden Epoche des Ullstein-Hauses muß man die Gründung der Berliner Morgenpost nennen. Leopold Ullstein war schon in den Siebzigern, als er das Startzeichen für diese neue Zeitung gab, die eines Tages das auflagenstärkste Blatt Deutschlands werden sollte. Noch heute zeugen jahrzehntealte Fassadenbemalungen von diesem stolzen Erfolg – so an der Stadtautobahn in Friedenau und an der Interzonenstraße Berlin-Hamburg, irgendwo in Brandenburg. In seinen Erinnerungen "Spielplatz meines Lebens" meint Leopolds Enkel – unser leider viel zu früh von uns gegangener Freund Heinz Ullstein – zu diesem ersten großen verlegerischen Wagnis des Hauses:

"Wäre das Experiment Morgenpost mißlungen, so hätte es niemals ein Ullstein-Haus gegeben. Und der Name Ullstein wäre unbekannt geblieben, denn ein Scheitern dieses Experiments hätte unmittelbar zum Bankrott führen müssen. Hier war alles auf eine Karte gesetzt. Es war der Entschluß eines Unternehmers, der wußte, was er will. Und der an sich und seine Aufgabe glaubte." Und Peter de Mendelssohn schrieb über den Gründer dieses Hauses: "Leopold Ullstein war nicht nur ein guter Kaufmann, sondern darüber hinaus auch ein liebenswürdiger und allseits interessierter Mann, der ehrliche Hochachtung vor geistiger Leistung empfand und den es danach drängte, nicht nur am Wirtschaftsleben, sondern auch an den geistigen, wissenschaftlichen und politischen Strömungen seiner Zeit teilzuhaben."

War die erste Phase der Entwicklung dieses Hauses, in der sowohl die heutige BZ als auch die Morgenpost entstanden, ganz von der Persönlichkeit des Gründers geprägt, so trägt die zweite Periode der Ausbreitung und des wachsenden Erfolges den Stempel der legendären fünf Brüder: Hans, Louis, Franz, Rudolf, Hermann. Über sie schrieb der unvergessene Egon Jameson: "In friedlicher Einigkeit saßen sie wohl nur ein einziges Mal um den Verhandlungstisch – als sie von Willy Jaeckel gemalt wurden." (…)

"Die fünf Brüder", schreibt Jameson, "traten sonst grundsätzlich nicht gemeinsam in Erscheinung. Sie hatten eine Art Familiengesetz festgelegt, nach dem sich alle richteten: Jeder durfte nur einen Verwandten, und auch diesen nur mit Zustimmung der vier anderen Brüder, in die Firma bringen." Jeder der fünf hatte eine besondere Aufgabe: Hans war Jurist und wurde nach dem Tod des Vaters Seniorchef, der sich gern im Hintergrund hielt. Louis war der Kaufmann. Er widmete sich hauptsächlich den Verlagsgeschäften und war insbesondere für Buchhaltung und Kasse zuständig. Franz übernahm zunächst die verlegerische Gesamtleitung aller Publikationen, widmete sich aber in späteren Jahren hauptsächlich den Zeitungen. Sein Sonderinteresse galt dem Buchverlag. Rudolf war zuständig für den gesamten technischen Bereich. Über ihn diese kleine Anekdote: Als er sich in der Emigration in England um eine Stelle bewarb, mußte er einen Fragebogen beantworten. Eine Frage lautete: Haben Sie schon einmal Arbeitnehmer beschäftigt? Die Antwort: Ja. Die nächste Frage: Wenn ja, wie viele? Die Antwort: 14000. Rudolf Ullstein kam nach dem Krieg als einziger der fünf Brüder nach Berlin zurück und wirkte tatkräftig am neuen Aufbau mit, ehe er, hochbetagt, im Jahre 1964 in unserer Stadt verstarb.

Der Jüngste, Hermann Ullstein, war zuständig für die Zeitschriften des Hauses und außerdem ein hochbegabter Werbefachmann, der später im Exil einmal feststellte, die Ullstein-Blätter hätten für den demokratischen Staat nicht genügend Reklame gemacht.

Walther Kiaulehn beschreibt das Haus, das sich die Ullsteins im Berliner Zeitungsviertel bauten, so: "Die fünf Brüder Ullstein residierten in der Kochstraße in einem wilhelminischen Barockschloß, das nur zur Hälfte fertig geworden war. Auf Fremde machte diese halbe Pracht einen beunruhigenden Eindruck. Den Berlinern waren solche Bauten jedoch geläufig." Es muß eine Lust gewesen sein, in jenen Tagen bei Ullstein zu arbeiten. Als sich Vicki Baum 1926 bei Ullstein bewarb, schrieb sie: "… bitte, liebe Ullstein-Leute, gebt mir eine Stellung; ich will gern als Kontoristin arbeiten, als Putzfrau, was Ihr wollt …" Dabei hatte sie zu jener Zeit schon sechs Romane veröffentlicht! Ganz euphorisch erinnert sich Eduard Rhein: "Hurra, ein Ruf ins Ullstein-Haus! Weshalb nicht gleich ins Ministerium? Ullstein, das war doch Glanz und Gloria! Ullstein-Redakteur zu sein, das war doch die höchste Stufe, die man erkraxeln konnte! Ullstein – was da nicht alles erschien: Dutzende von Zeitschriften, Zeitungen, Magazine, Bücher, Hefte … Ullstein! 'Tempo gelesen – dabei gewesen!', 'Sei sparsam, Brigitte, nimm Ullstein-Schnitte!'"

Das Haus Ullstein, das sich zu Beginn dieses Jahrhunderts auch einen Buchverlag zugelegt hatte, wirkte in den zwanziger Jahren wie ein Magnet. Wer Rang und Namen hatte, tauchte dort auf. Ich will nur einige wenige aufzählen: Arthur Koestler, Heinrich Mann, Carl Zuckmayer, Bert Brecht, Lion Feuchtwanger, Ödön Horváth, Walter Hasenclever, Leonhard Frank, Erich Maria Remarque, Vladimir Nabokov; und aus der Politik: Fürst Bernhard von Bülow, Gustav Stresemann, Karl Helfferich. Wer zählt die Männer, nennt die Namen? Der Schriftsteller Max Krell meinte dazu: "Außer den Anhängern des George-Kreises ist kein zeitgenössischer Dichter am Ullstein-Haus vorbeigegangen. Sie schrieben für die Zeitungen, sie brachten ihre Bücher."

Doch die Ullsteins der Zeitungen und Zeitschriften wußten auch: So wichtig die prominenten Autoren sind, so anregend die Besucher sein mögen, so wenig ein Verlag ohne Technik, ohne Verwaltungsleute, ohne Vertriebs-, Anzeigen- und Werbeabteilung auskommen kann – Kern und Mittelpunkt und Seele eines Verlages ist der Redakteur. Wie man Redakteur wird, hat Hans Zehrer, auch ein Ullstein-Mann, so beschrieben: "Die alte Schule des großen Journalismus? Wenn es sie wirklich gegeben haben sollte, dann sehe ich ein verschossenes Lüsterjackett vor mir, auf dessen Kragen oft einige weiße Haare lagen, einen Rücken, der sich über den Umbruchtisch beugte, eine Hand mit einem Bleistift, der unwahrscheinlich schnell in den Zeilen eines Manuskripts herumfuhrwerkte, und ich höre eine Stimme, die währenddessen nach rechts und links Weisungen gab. Die alte Schule, das war nichts anderes als der Blick über die Schulter dessen, der es konnte. Wenn man Glück hatte, ihn zu finden, war alles gut."

In die Jahre der scheinbar grenzenlosen Entwicklung des Hauses Ullstein, das heißt in die Zeit von der Jahrhundertwende bis zur großen Krise, in der die erste deutsche Demokratie versagte, fällt auch die Gründung der Berliner Illustrirten. Sie war das Modell aller nach ihr irgendwo in der Welt entstandenen bebilderten Wochenzeitungen. In diesen Jahren wurde auch die Vossische Zeitung erworben und ausgebaut. Gleichzeitig damit richtete sich Ullstein auch ein eigenes weltweites Nachrichtennetz ein.

Soll ich, darf ich noch einige der Objekte aufzählen, die dieses Haus damals gemacht hat? Tempo, Grüne Post, Uhu, Das Blatt der Hausfrau, Die Dame, der eingangs schon erwähnte Heitere Fridolin, Koralle, Querschnitt. Der Buchverlag brachte sowohl das beliebte "Ullstein-Buch" heraus wie die berühmte "Propyläen-Kunstgeschichte". Der größte Erfolg des Ullstein Buchverlages war aber Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues".

Rückschauend kann ich nur sagen, dass der Weg des Hauses Ullstein in einen verlegerischen Erfolg führte, den die Neider nicht zerstören, die Nachahmer nicht erreichen und die Bewunderer nicht entbehren konnten. Wann auch immer Erfolg die Mittelmäßigkeit sprengt, wird nach seinem Geheimnis gefragt. Wir wissen, nie gibt es darauf eine gültige Antwort. Die Ullsteins haben wohl vor allem zwei Voraussetzungen für den Erfolg zu schaffen verstanden: Sie wußten, worauf es ankam und was ankam! Hätten sie nur das eine oder das andere von beidem verstanden, wäre das Haus niemals zu seiner Größe gewachsen. Dessen bin ich gewiß! Aber das Wissen um das, was ankommt, und um das, worauf es ankommt, genügte schließlich doch nicht. Im Rückblick ist es beinahe unverständlich, wie das Haus Ullstein trotz brillanter Analysen und Leitartikel der am besten informierten Journalisten Deutschlands beinahe ahnungslos der deutschen Katastrophe des Jahres 1933 entgegentaumelte.

Hören wir auch dazu einen Zeugen, den Ullstein-Mann und heutigen Welt-Korrespondenten Heinz Barth: "… das Unglück, das wenig später über Deutschland kommen sollte, waren erst kleine schwarze Wolken tief über dem Horizont. Sie schreckten uns nicht. In der Rückschau ist es kaum glaublich, wie wenig wetterfühlig wir damals im Hause der Eule waren. Die langen Korridore in der unvergeßlichen zweiten Etage, wo die Tageszeitungen gemacht wurden, waren die Achse unserer Existenz. Sie waren Rollbahnen des Witzes und der unerschöpflichen Aphorismen. Sie waren auch die Achse, um die für uns das glückliche Berlin Max Pallenbergs und Fritzi Massarys, Max Reinhardts und Leopold Jessners, Bruno Walters und Wilhelm Furtwänglers, das Berlin der Dreigroschenoper, des Akademie-Balles, der Charell-Revuen und des Kabaretts der Komiker seine beschwingten Kreise drehte."

Erst als es schon zu spät war, wurde man hellhörig. So berichtet Carl Zuckmayer vom Presseball 1933:

"In der 'Ullstein-Loge', die gleich neben der 'Regierungs-Loge' lag, trafen wir Freunde: Ernst Udet, Bruno Frank, Max Krell, andere kamen und gingen. Von den Brüdern Ullstein war keiner erschienen, die Honneurs machte der Verlagsdirektor Emil Herz, er ließ uns fortgesetzt die Gläser füllen und wiederholte dazu: 'Trinken Sie, trinken Sie nur – wer weiß, wann Sie wieder in einer Ullstein-Loge Champagner trinken werden!'. Im Grunde wußten wir alle: nie mehr." Nie mehr! – Zuckmayer hatte recht! Die Zeit des Ungeistes, die schlimme Epoche zog herauf. Da war für den Geist, der das Haus Ullstein groß und berühmt gemacht hatte, kein Platz mehr. Er repräsentierte Menschenwürde, Toleranz und Freiheit, drei Begriffe, die das Dritte Reich ebenso wenig dulden konnte wie die kommunistischen Regime unserer Tage.

Schon bald nach der sogenannten Machtübernahme erfolgten die ersten Gespräche über die "Gleichschaltung der Ullstein-Betriebe". Ein Jahr später wurden die Ullsteins zum Zwangsverkauf an eine Auffanggesellschaft der NSDAP gezwungen. Im Jahre 1937 kam die Umbenennung in "Deutscher Verlag", in dem (…) Das Reich herausgebracht wurde.

Am 3. Februar 1945 folgte die Rache der Geschichte: Während die Russen die Oder schon überquert hatten, versank das Berliner Zeitungsviertel in Schutt und Asche. Auch dafür gibt es einen Zeugen, der heute hier unter uns weilt. Cyrill Soschka, einer von denen, die, soweit es ging, dafür sorgten, daß der Geist der Ullsteins auch während des "Tausendjährigen Reiches" versteckt in einzelnen Winkeln und Ecken des Hauses überlebte, schildert seinen Eindruck, als er sich einen Weg durch das brennende Berlin bahnte: "Weiter, weiter zum Ullstein-Haus!" so schreibt er. "Es bietet ein erschütterndes Bild. Auch hier hat sich das Feuer ausgebreitet! Das Hauptgebäude Koch-/ Charlottenstraße brennt in den oberen Stockwerken, brennt bösartig prasselnd, unlöschbar … Hier und in diesen Stunden wird die Zentrale eines Unternehmens vernichtet, das einst das größte seiner Art in Europa war." Der unvergessene Kronjurist der SPD, Adolf Arndt, hat dazu vor elf Jahren einen noch heute gültigen Kommentar gegeben: "Nicht 1945 ging der deutsche Staat in Trümmer, als seine unberechtigten Machthaber entwaffnet wurden: Der wirkliche, weil geistige Zusammenbruch Deutschlands, ereignete sich 1933, als das Fundament der Solidarität im Mitmenschlichen zerbrochen wurde."

Als damals die Lichter der Freiheit ausgingen, möchte ich hinzufügen, wurde auch die deutsch-jüdische Symbiose zerbrochen, der wir so unendlich viel zu verdanken haben und für die das Haus Ullstein einer der wichtigsten Kondenspunkte gewesen war. Abgesehen von dem millionenfachen Unrecht, hat das unserem Volk einen Substanzverlust gebracht, den wir – gerade im Journalismus und in der Literatur – auch in Generationen nicht wieder wettmachen können. Mit der Niederlage und der Besetzung begann die vierte Phase des 100jährigen Ullstein-Hauses unter amerikanischer Treuhänderschaft, repräsentiert durch den ungemein tüchtigen und loyalen Ernst Strunk. Daß der technische Betrieb des Ullstein-Hauses schon im Sommer 1945 wieder zu arbeiten beginnen konnte, verdankt das Haus ihm und zu einem großen Teil Hans Wallenberg, der als amerikanischer Offizier den Auftrag hatte, in Berlin für ganz Berlin eine deutschsprachige Zeitung zu machen.

An diese Zeit erinnert sich Curt Riess: "Im amerikanischen Hauptquartier fand Wallenberg zunächst wenig Gegenliebe. War es nicht riskant, einer Druckerei den Auftrag zu überlassen, die noch halb in Schutt und Asche lag? … Worum ging es Wallenberg? Es ging ihm darum, die ehemaligen Ullstein-Arbeitskräfte, soweit sie überhaupt verfügbar waren, zu beschäftigen, ihnen Brot und Arbeit zu geben."

Doch wo blieben die rechtmäßigen Besitzer? Der aus der Sicht der Betroffenen viel zu umständliche und langwierige Prozeß der Rückgabe des Betriebes führte dazu, daß die Familie Ullstein erst 1952, im 75. Verlagsjahr, wieder über ihr Eigentum verfügen konnte.

Der Bildband "Hundert Jahre Ullstein" zeigt, wie am 23. Januar 1952 die amerikanischen Treuhänder der Familie – vertreten durch Rudolf Ullstein und seinen Neffen Karl – die Reste ihres einstigen Besitzes zurückgaben. Auch die Ullsteinstraße in Tempelhof, von den Nazis umbenannt, erhielt ihren eigenen Namen zurück. Die Presselandschaft war aber nicht beim Nullpunkt von 1945 stehengeblieben. Seit 1946 hatten auch alte Ullstein-Mitarbeiter überall im Lande an der Gründung neuer Zeitungen und Zeitschriften sowie neuer Buchverlage mitgewirkt. Außerdem war Berlin abgeschnitten von seinem Hinterland. All das machte den Wiederbeginn schwer, fast unmöglich. Dennoch gingen die zurückgekehrten Ullsteins unverdrossen ans Werk. Noch im selben Jahr – 1952 – boten sie den Berlinern wieder ihre altgewohnte Morgenpost an. Ein Jahr später wurde dann auch die beliebte BZ auf den Straßen feilgehalten.

Erlauben Sie mir, an dieser Stelle mit meiner Rückschau aufzuhören und umschreibend zu sagen, wie dankbar und glücklich in bin, daß die in Stein gehauene Ullstein-Eule wieder ihren rechtmäßigen Platz im alten Zeitungsviertel von Berlin gefunden hat.

(…)