Im Dienste Gottes und der Menschen




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Im Dienste Gottes und der Menschen

In der Artikelserie "Rebellen im Namen Christi" hatte das Hamburger Abendblatt im Dezember 1968 und Januar 1969 über die Situation in der Kirche berichtet. Themen waren u. a. die Forderung nach einem politischen Evangelium, das Infragestellen kirchlicher Autorität und neue theologische Strömungen. In seinem Brief an den damaligen Chefredakteur Martin Saller nahm Axel Springer zu dieser Serie Stellung.

Lieber Herr Saller,

bei der Lektüre der im Hamburger Abendblatt veröffentlichten Serie über die "Rebellen im Namen Christi" fiel mir ein Zitat aus Georges Bernanos´ "Tagebuch eines Landpfarrers" ein, das in Kampen wieder einmal auf meinem Nachttisch lag. Der Priester notierte sich: "Wo soll das mit euch Theologen noch hinführen?"

Die Serie war für mich der Anstoß, erneut darüber nachzudenken, welche Aufgabe die Tageszeitung in der religiösen Diskussion unserer Tage erfüllen könnte und vielleicht erfüllen sollte.

Diese Frage habe ich öffentlich zuletzt am vierten Adventssonntag 1968 in einer Ansprache anläßlich der Einweihung des Zentrums der Jerusalems-Gemeinde in Berlin berührt. Den Wortlaut schickte ich Ihnen seinerzeit zu. Einige Sätze darf ich hier nochmal zitieren: "Und meine Kollegen, die hier anwesenden Chefredakteure, bitte ich herzlich, mich zu verstehen, wenn ich sie aufrufe, in einer Welt, in der zwar Schreckliches geschieht, in der jedoch auch immer etwas Gutes geschieht, gerade auf das Gute zu achten und es mitzuteilen. Ich glaube, das ist auch ein Weg, der Erfolg verspricht, vor allem ein Weg aber, der uns angemessen ist."

Es ist ein Weg, dem sich eigentlich das Hamburger Abendblatt seit seiner Gründung verschrieben hat. Bei der Gestaltung der Serie "Rebellen im Namen Christi" sind wir etwas von diesem Weg abgekommen.

Meine Bitte an die Redaktionen, "auf das Gute zu achten und es mitzuteilen", mag heute diesem oder jenem auf Anhieb vielleicht etwas zu sehr "in Stein gehauen" erscheinen. Es dürfte daher notwendig sein, einige weitere Überlegungen anzufügen.

Für mich ist das Gute, das überall in der Welt vorhanden ist, der Nachweis für die Gegenwart Gottes und das Böse in der Welt der Hinweis auf die Existenz des Teufels. Mitten in dieser guten und bösen Welt steht der Mensch – und damit natürlich auch der Zeitungsmann – in seiner paradoxen Situation, zugleich gerecht und sündig zu sein.

Es gibt heute Publikationen und Funk- und Fernsehprogramme, die es sich ausdrücklich zum Programm gemacht zu haben scheinen, allein das Böse in der Welt aufzufinden und zu beschreiben. Unter solchen Gesichtspunkten wird das Problem der Verantwortung des Journalisten in der heutigen Gesellschaft akut. Das ist sicher bei uns eine sehr komplizierte und durch unsere politische Vergangenheit belastete Fragestellung, die heute jedoch oft erst gar nicht angegriffen wird, sondern offenbar weitgehend bereits tabuisiert worden ist.

Ich denke aber, daß gerade ein Zeitungshaus, das sich christlichen Werten verpflichtet fühlt, diese Frage der besonderen journalistischen Verantwortung nicht ausklammern kann. Am Modell der "Rebellen im Namen Christi" möchte ich dazu einige Gedanken äußern.

Ich meine, daß in dieser repräsentativen, fünfteiligen Serie die Gewichte der Darstellung so ungleich verteilt wurden, daß der Leser den verwirrenden Eindruck erhalten muß, die Kirche stehe kurz vor dem inneren Zusammenbruch. Außerdem wurde unterlassen, die Thesen exzentrischer Minoritäten auf dem Prüfstand der Realitäten zu messen.

Bei der dargebotenen Stoffsammlung hätte man den Leser wohl zunächst darüber informieren müssen, daß Theologie und kirchliche Seelsorge zwei sehr verschiedene Dinge sind.

Der Zürcher protestantische Kirchenhistoriker Walter Nigg, dessen Bücher mich seit mehr als zehn Jahren begleiten, schrieb hierzu kürzlich: Die Theologie "wurde im Laufe der Zeit streitsüchtig und ergab sich oft einer spekulativen Behaupterei. Sie sank ab, und in der Gegenwart nahm sie zuweilen einen auflösenden, sich verhängnisvoll auswirkenden Charakter an. Deshalb ist es angebracht, der Theologie mit einer gewissen Vorsicht zu begegnen".

Eine solche "Vorsicht" hat die Redaktion in der Serie kaum walten lassen. Wenn hier und da einmal ein kritischer Standort bezogen wird, so wirkt er wenig überzeugend. Der unvoreingenommene Leser, und von diesem sollte die Redaktion ja ausgehen, muß den Eindruck erhalten, als sei die intellektuelle Akrobatik gewisser theologischer Disziplinen die tägliche Erbauungslektüre seelsorgender Pastoren und Pfarrer. Ich kann mir vorstellen, daß viele ordentliche Christen bei der Lektüre dieser Serie vom großen Jammer über ihre Kirche erfaßt wurden.

Und an diesem Punkt hätte vielleicht der zentrale Aspekt der Serie liegen können: die Auseinandersetzung zwischen modernen theologischen Disziplinen und heutiger Seelsorge. Hier hätte man vielleicht beide Seiten zum Nachdenken, zur Diskussion zwingen können. Die vorliegende Form der Serie wird allein die Modernisten triumphieren lassen.

Wenn in der ersten Folge widerspruchslos die These des Hamburger Pastors Martin Körber zitiert wird: "Uns interessiert nicht, was einmal in einem Jenseits sein wird", dann halte ich das für eine böse Weihnachtsbotschaft an die Leser des Hamburger Abendblatt.

Wenn in derselben Folge die "Evangelische Studentengemeinde" als Akteur einer Demonstration am Reformationstag erwähnt, aber verschwiegen wird, daß es sich dabei um ein ständig schrumpfendes Häuflein von Außenseitern handelt, dann wird der Leser irregeführt.

Er wird ebenfalls irregeleitet, wenn die Hamburger "55 Thesen zur Situation der Kirche und ihrem Verhältnis zur Gesellschaft" ausführlich zitiert und erläutert werden, aber verschwiegen wird, daß ihre Verfasser nicht wagten, sich einer sachlichen Diskussion ihrer Thesen zu stellen.

Ich halte es für bedenklich, wenn der Autor berichtet, daß Che Guevara das Vorbild vieler Theologiestudenten sei, aber das Programm des "legendären südamerikanischen Rebellenführers" – die Revolution muß ein Akt der Maßlosigkeit sein, dessen Wellen alles unter sich begraben – als beim Leser bekannt voraussetzt.

Das Hamburger Abendblatt, und ich möchte meine Kritik hier noch einmal zusammenfassen, sollte der Versuchung widerstehen, sich zum Lautsprecher gewisser Exzentriker zu machen. Es sollte sich allerdings nicht scheuen, sich mit solchen Exzentrikern auseinanderzusetzen. Der dritte Imperativ unseres Hauses – Kampf gegen Radikalismus jeglicher Art – bezieht sich nicht nur auf politische, sondern auch auf religiöse Extremisten.

Damit möchte ich meine Kritik an "Rebellen im Namen Christi" beenden, Bemerkungen, die Sie, lieber Herr Saller, wie ich weiß, als "konstruktive Kritik", als Sorge des Verlegers um die Verantwortung gegenüber dem Leser auffassen werden.

Für mich ist es unfaßbar, daß sich Menschen Pfarrer nennen, für die es nur ein Leben vor dem Tode gibt, die sich nicht mehr imstande fühlen, einen Gottesdienst oder eine Predigt zu halten, und die meinen, daß das Gebet unmöglich geworden und nur noch als "be-denken" denkbar sei. Solche Feststellungen sind doch nichts weiter als das Eingeständnis einer verfehlten Berufswahl ohne Berufung.

Und hier befinden wir uns, denke ich, an einem sehr kritischen Punkt. Die Theorien von dem "Verschwinden des metaphysischen Zeitalters" (Harvey Cox), daß "Gott jetzt, in dieser Weltzeit, nicht gegenwärtig und unmittelbar zu erfahren ist" (Dorothee Sölle), stellen doch einfach die Dinge auf den Kopf, sind, um mit Matthias Claudius zu sprechen, "theologische Kannegießerei".

Schließlich ist bereits bei Kant nachzulesen, daß Gott durch die Vernunft nicht zu erfassen, als "Postulat der praktischen Vernunft" für die Existenz des Menschen jedoch unerläßlich sei. Laienhaft ausgedrückt bedeutet diese Erkenntnis doch wohl nichts anderes, als daß der Mensch von Gott nur durch den Glauben "wissen" kann.

Nicht Gott hat sich also vom Menschen abgewendet, sondern der Mensch von Gott, und gewisse Disziplinen der Theologie leisten dabei – und nicht erst seit heute – Vorschub. Schon bei Markus (I,22) heißt es über eine Predigt Jesu in Kapernaum: "Er lehrete gewaltiglich und nicht wie die Schriftgelehrten."

Es ist schließlich wohl überhaupt ein Wunder, daß die Kirche immer noch existiert, wenn manche ihrer Schriftgelehrten eine "Theologie nach dem Tode Gottes" kreieren, wenn die Kirche von ihnen als "Hindernis für den Glauben" angesehen wird.

Sicher ist auch die Kirche selbst an der Abwendung des Menschen von Gott in unserer Zeit nicht ohne Schuld. Als in den letzten Jahrzehnten bei uns die weltliche Ordnungsmacht, also der Staat, der Kirche die Verantwortung für die Linderung von Not und Armut weitgehend abnahm, nutzte diese ihre Chance nicht. Anstatt sich stärker um die Seelsorge zu kümmern, anstatt den Versuch zu machen, den Menschen in dieser Zeit der scheinbar auf der Straße liegenden Ersatzreligionen den Weg zu Gott zu ebnen, haben Vertreter der Kirche immer wieder nach anderen, weltlichen Aufgaben Ausschau gehalten. Fragen der Politik wurden ihnen wichtiger als Fragen des Glaubens. Der Erfolg war Verlust an bekennerischem Mut, an geistlichem Elan und an direkter Breitenwirkung. Wenn die Kirche einseitig zu politischen, soziologischen und wirtschaftlichen Problemen Stellung nimmt, wenn sie sich einbeziehen, ja sogar einreihen läßt in das Gezänk streitender Parteien, muß sie an moralischer Autorität verlieren. Genau das ist geschehen.

Nun haben wir oft nur Verwaltung statt Seelsorge. Die Debatten konfessioneller Akademien sind oft Ersatz geworden für die Zwiesprache mit Gott. Nichts anderes als Verwirrung konnte die Folge sein.

Über die Folgen der Verdrängung des Religiösen aus dem Bewußtsein der heutigen Menschen hat der Arzt und Psychiater Viktor E. Frankl ein erschütterndes Buch geschrieben. Es trägt den Titel: "Der unbewußte Gott".

Aus seinen klinischen Erfahrungen heraus beschreibt er, wie die Verdrängung des Religiösen, die Verdrängung Gottes in das Unterbewußtsein, zu Neurosen vielerlei Art führt: "Die Zwangsneurose ist die seelisch erkrankte Religiosität." Oder: "Wer den Engel in sich verdrängt, entartet zum Dämon."

An einer anderen Stelle berichtet Franke von ärztlichen Erfahrungen mit furchtbaren Hintergründen: Von den Neurosen schlechthin ließe sich in nicht wenigen Fällen sagen, daß Gott wahrlich ein Gott der Rache ist, denn in der neurotischen Persönlichkeit räche sich an ihr selber ihre Unfähigkeit zur Transzendenz.

Dem Menschen zu helfen, daß er wieder "fähig wird zur Transzendenz", oder anspruchsloser gesagt, ihm zu demonstrieren, daß nicht nur Böses, sondern überall auch das Gute in der Welt existiert, daß Weltgeschichte ein unaufhörlicher Kampf zwischen Gut und Böse ist, und daß es gilt, in dieser Auseinandersetzung ständig Stellung zu beziehen: Dies, so glaube ich, ist die Aufgabe eines verantwortlichen Zeitungshauses in der heutigen Gesellschaft.

An diesem letzten Weihnachtsfest, das ich in Berlin verbrachte, gab es zwei Vorgänge von gewaltiger Symbolkraft:

Das Niederreißen der – schon so oft geschändeten – Christus-Statue in der Gedächtnis-Kirche und

die Vorlesung der Schöpfungsgeschichte durch die von der Mondumkreisung zurückkehrenden Astronauten des Apollo-8-Unternehmens und das anschließende Gebet dieser Männer.

Da waren dann also die einen, die nichts wissen und Gott stürzen wollen, und da waren die anderen, die mehr gesehen haben als je Menschen vor ihnen und als Quintessenz die ersten Kapitel der Bibel zitieren.

Dem Hamburger Abendblatt danke ich, daß es mich dazu provozierte, meine Gedanken über das Problem der Verantwortung eines im christlichen Geiste aktiven Zeitungshauses einmal schriftlich zu fixieren:

Helfen wir der Kirche in dieser Zeit weitgehenden Abfalls von Gott bei ihrer eigentlichen Aufgabe, nämlich Bindeglied zu sein zwischen dem Höchsten und den Menschen. Helfen wir auch den Dienern der Kirche, Mittler zu werden zwischen Gott und den Menschen. Helfen wir den Pastoren, wieder das u sein, was ihr Name aussagt: Hirten Gottes auf Erden.

Helfen wir der Kirche vor allem, daß sie nicht erstarrt zu einer falsch verstandenen Ordnungsmacht auf dieser Welt. Die überheblichen Narren im Talar, die Gott leugnen und Christus in einen Sozialreformer "umstrukturieren" wollen, sollten sich die ehrlicheren Anzug eines Atheisten, eines Agnostikers anziehen. Sie sollen aber nicht, mit Halskrause angetan, ein weiteres Beispiel dafür bieten, daß so oft der Teufel unter der Kanzel sitzt.

Glauben ist schwer und sicherlich – im Sinne Luthers – Gnade. Wer meint, Glauben in dieser irren Zeit sei eine Zumutung, dem sei gesagt, daß Glauben schon immer Zumutung war. Das Große findet man nicht am Wegrand.

Helfen wir also schließlich den Menschen, den Glauben zu finden, wenn sie ihn suchen. Alles andere, was wir als Zeitungsleute leisten können – Information, Meinungsbildung, Unterhaltung –, wird zu Bausteinen für diese große Aufgabe. Hüten wir uns, den Menschen, die Ausschau halten nach einem Weg aus der Aussichtslosigkeit, aus dem Irrgarten, nichts anderes zu bieten als neue Verwirrung.

Mit herzlichen Grüßen bin ich

Ihr

Axel Springer