Israel ist nicht irgendein Staat




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Israel ist nicht irgendein Staat

Auszug aus einem Artikel in DIE WELT, 27. März 1971

(…) Die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden hatte wie ein Wunder begonnen. Sie war hoffnungsvoll gediehen, trotz der unfaßbaren Geschehnisse der Vergangenheit. Daß die Vergangenheit nicht 'bewältigt' werden konnte, auch nicht durch eine noch so großzügige materielle Wiedergutmachung, war allen Vernünftigen von Anfang an klar. Aber eine Bewältigung der Gegenwart und der Zukunft schien uns gnädig vom Herrn der Geschichte zugestanden zu sein.

Wenn es auch keine Kollektivschuld gab, so gab – und gibt – es doch eine Kollektivhaftung, der sich kein Deutscher entziehen kann, besonders nicht, wenn er der älteren Generation angehört. Ihre materiellen Formen wären aber nicht mehr als ein zweifelhaftes Ablaßmanöver, wenn ihre ideellen Inhalte ohne die ganze Kraft unserer Überzeugungen und unserer Haltung blieben.

Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden – das ist keine Aufgabe, die mit korrekten diplomatischen Beziehungen zu Israel allein zu lösen ist. Das ist kein Werk, das durch staatsmännisch gemeinte Neutralität und eine taktische Abstinenz der kühlen Köpfe und der kühlen Herzen gelingen kann. Bei allem Respekt vor der Notwendigkeit guter Beziehungen zu allen Völkern, im Fall Israels muß das deutsche Engagement klarer sein. Auch 25 Jahre nach der Schließung von Auschwitz sind die deutschen Beziehungen zu dem Lande der Juden keine 'normalen', sondern in jedem Falle 'besondere'.

Die Älteren, die alle in die Ereignisse von gestern verstrickt sind, konnten beim Brückenschlag nur einen Anfang machen. Es wäre ein verhängnisvolles Mißverständnis, wenn sie diese Aufgabe von nun an tatenlos, schweigend oder gar augenzwinkernd ihren Kindern und Enkeln überließen. Sie müssen wissen und spüren lassen, daß nichts lau und nichts flau in uns ist, wenn wir uns zum Volk der Juden und ihrem Staat bekennen. Dazu gehört, daß die Feinde Israels nicht unsere Freunde sein können und daß Taktik keinen Raum haben darf, wo Moral uns bindet.