Kopfgeld für DDR-Häftlinge




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Kopfgeld für DDR-Häftlinge

Dieses Interview erschienen in der Kölnischen Rundschau am 17. November 1972.

Seit der Fernsehdiskussion der vier Parteivorsitzenden am Mittwochabend verstummt die Frage nach der Freilassung von Häftlingen aus der DDR nicht mehr. Die Zuhörer dieser Diskussion wissen, daß schon seit acht Jahren Häftlinge aus der DDR freigekauft werden. Auch der Name Axel Springer wurde in diesem Zusammenhang genannt. Chefredakteur Rudolf Heizler ist dieser Frage nachgegangen und hat dem Verleger Axel Springer einige Fragen im Zusammenhang mit dem Freikauf von politischen Häftlingen gestellt.

Springer: Zuerst einmal dieses: Ich brauche mich wohl heute nicht mehr an das dem Osten gegebene Wort zu halten, über den Freikauf von politischen Häftlingen Stillschwiegen zu bewahren. Die Art, wie die jetzige Regierung vor dem Wahlkampf das Thema "Häftlinge" oder auch Kinder aus der Zone behandelt, aber mehr noch die Tatsache, daß meine damalige Rolle in der Öffentlichkeit angesprochen worden ist, macht eine weitere Zurückhaltung gegenstandslos.

Frage: Wie hat sich das damals abgespielt?

Springer: Nun, das ist kurz erzählt. In meiner Privatwohnung in Berlin besuchte mich nach Anmeldung über einen Westberliner Anwalt ein Beauftragter aus Ostberlin. Wir waren sehr schnell beim Thema. Ich wurde gefragt, ob ich den Verbindungsmann zur Bundesregierung spielen wollte. Auftrag war, zu erkunden, ob man bereit sei, für die Entlassung von Häftlingen Kopfgelder zu bezahlen. Als Normpreis stellte man sich 40000 DM vor. Bedingung war absolutes Stilschweigen.

Frage: Wann war das alles?

Springer: Ende 1962.

Frage: Was haben Sie dann getan?

Springer: Sofort nachdem der Mann aus Ostberlin mein Haus verlassen hatte, rief ich den damaligen gesamtdeutschen Minister, Rainer Barzel, an. Am Telefon konnte ich ihm zwar keine Einzelheiten sagen. Aber an meinem Tonfall hatte er hellwach die Dringlichkeit gespürt, und so fand noch am selben Tag ein Zusammentreffen mit Rainer Barzel statt, der dann prompt und unbürokratisch reagierte.

Frage: Was heißt das?

Springer: Am nächsten Morgen schon flog er nach Cadenabbia, wo der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer seinen Urlaub verbrachte. Da es um hohe Beträge ging – es war auszurechnen, daß sie weit über 100 Millionen DM hinausgehen konnten – war die Frage eines geheimen Sonderetats akut. Ich weiß, daß Dr. Adenauer seinen gesamtdeutschen Minister kaum ausreden ließ und sofort seine Bereitschaft erklärt, in dieser Weise an der Befreiung von politischen Häftlingen mitzuwirken, die zum Teil schon bis zu zehn Jahren in den Zuchthäusern der Zone gesessen hatten.

Frage: Wie ging es weiter?

Springer: In Bonn unterrichtete Rainer Barzel auch die damalige Opposition und erhielt sofort auch die Zustimmung von Herbert Wehner. Die Aktion lief an, allerdings zunächst sehr zähflüssig. Der erste Schub, nach längerer Zeit, waren nur acht Gefangene, die über den Bahnhof Friedrichstraße in Berlin in die Freiheit kamen. Jeder Gefangene wurde direkt getauscht, das heißt, der Vermittler von unserer Seite und kirchliche und karitative Instanzen waren zur Durchführung eingeschaltet – übergab Fall um Fall das Kopfgeld und erhielt dafür den Gefangenen.

Frage: Und seit dem ist das immer so weiter gelaufen?

Springer: Ja, die acht waren der Anfang, und dann ging das weiter, wer auch immer gesamtdeutscher Minister war. Allerdings waren seit Mai dieses Jahres keine Häftlinge mehr freigekommen, wohl im Hinblick auf die damals schon vorgesehene, jetzt bekanntgegebene Amnestie, die übrigens weit mehr kriminelle als politische Häftlinge umfassen soll.

Frage: Das mußte ja, wie Sie sagten, ganz geheim bleiben. Gibt es dennoch irgendwelche Unterlagen?

Springer: Bei mir nur eine, einen Brief, den mir Rainer Barzel im Sommer 1964 schrieb, als unter dem gesamtdeutschen Minister Erich Mende endlich die ersten Häftlinge freikamen.

Frage: Kann daraus heute etwas zitiert werden?

Springer: Ich glaube doch. Barzel schrieb mir unter anderem: "... wenn es in diesen Tagen 'gesamtdeutsche Begegnungen' besonderer Art unter dem Zeichen der 'Freilassung' gibt, dann möchte ich nicht versäumen, an unsere Begegnung 1962 zu erinnern. Was man hörte, schien so ausgefallen, daß es nur phantastisch oder realistisch sein konnte. Es wurde das letztere nicht ausgeschlossen, und ich begann – sehr mühsam – das Loch zu bohren..."

Frage: Welchen Kommentar können Sie nach so viel Jahren zu diesem Brief geben?

Springer: Nun, dieses Schreiben ist eine arge Untertreibung dieses immer kühl erscheinenden Mannes. Mit einer Leidenschaft sondergleichen setzte sich Rainer Barzel für die Freilassung dieser politischen Häftlinge ein. Tausende sind dank dieser Initiative inzwischen zu uns gekommen.