Monsieur Berlin




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Monsieur Berlin

Aus einem Interview der französischen Zeitschrift L’Express mit Axel Springer vom 18. Juni 1973.

L'Express: Vor zwanzig Jahren, am 17. Juni 1953, erhob sich Berlin gegen die sowjetischen Truppen. Wie steht es heute mit Berlin – zwanzig Jahre danach? Herr Breschnjew hat soeben die Bundesrepublik Deutschland zum ersten Mal besucht. Bundeskanzler Willy Brandt hat – zum ersten Mal – Israel einen offiziellen Besuch gemacht. Und wenn dieses Interview erscheint, treffen sich die Herren Nixon und Breschnjew in den Vereinigten Staaten. Sie, der Sie alles auf Berlin gesetzt haben, der Sie in und für Berlin leben, der Sie eine Art "Monsieur Berlin" geworden sind – wie sehen Sie von hier aus die beträchtlichen Veränderungen, die sich in der Welt ergeben haben?

Axel Springer: Gestern zog ich einen schwarzen Anzug an und ging zur Beerdigung eines kleinen Jungen. Dieses fünfjährige Kind war in die Spree gefallen, die an dieser Stelle zu Ost-Berlin gehört, während das diesseitige Ufer Westberliner Gebiet ist. Niemand hat ihm geholfen. Die Westberliner Polizei hatte kein Recht zu intervenieren, und die von Ost-Berlin mußte zunächst mit ihren Vorgesetzten verhandeln. So ist dieser kleine Junge ertrunken. Es ist das zweite Kind, das diese Familie verloren hat, denn eine Tochter wurde umgebracht, und fast an derselben Stelle wurde die Leiche von dem Mörder in die Spree geworfen. Ich habe mich um diese Familie gekümmert und bin zur Beerdigung gegangen. Es hat mich schmerzlich überrascht zu sehen, daß ich diesmal der einzige war. Vor zehn Jahren hätte man dort auch den Regierenden Bürgermeister von Berlin gesehen. Jetzt nicht mehr.

L'Express: Werden Sie hier in Berlin des 20. Jahrestages der Erhebung von 1953 gedenken, wie jedes Jahr?

Axel Springer: Ich ja. Aber unsere Regierung zieht nun mehr große Diskretion bezüglich all dieser Dinge vor. Als ich nach Berlin kam – angeregt von dem damaligen Bürgermeister Willy Brandt, der die Preisgabe der so isolierten Stadt fürchtete –, fanden auch regelmäßig am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, gewaltige Kundgebungen vor dem Reichstag statt. Wie viele andere marschierte ich mit den Arbeitern. Alle Parteien sprachen von Freiheit. Einmal wurde ein farbiger Sänger engagiert, um ein Lied von der Freiheit zu singen. Das waren große Stunden von Berlin. Im anderen Teil Berlins marschierte im Stechschritt die deutsche kommunistische Armee in Uniformen, die teils an die alte Wehrmacht, teils an die russische Armee erinnern. Sie marschierten, obwohl ihre Anwesenheit eine Übertretung der alliierten Abmachungen über Berlin darstellte. Heute marschieren sie weiter. Wir aber, auf dieser Seite, hielten an diesem 1. Mai bescheiden eine Gewerkschaftsveranstaltung in einem geschlossenen Saal am Funkturm ab. Das ist alles. Man muß schon ein Träumer sein, um in dieser Stadt hoffnungsvoll zu leben.

L'Express: Ein Träumer, um wovon zu träumen?

Axel Springer: Ein israelischer Freund, ein bedeutender Naturwissenschaftler, hat mir dieser Tage ein Buch geschickt und dort folgenden Satz hineingeschrieben: "Es ist eine alte Geschichte und doch ewig neu: Nur die Träumer großer Träume sind die Schöpfer der Zukunft." Berlin muß überleben. Berlin ist das Herz Europas – ich kenne kein anderes. Das ist die ständige Vision, die Besessenheit, von der man erfüllt sein muß. An Berlins Überleben, an seinem Elan wird man den Wert aller Politik messen können, wie sie auch sei. Den Wert für die Zukunft der Freiheit. Wenn sie eine Zukunft hat.

L'Express: In dieser Zukunft spielt zumindest für Berlin doch die Sowjetunion eine große Rolle?

Axel Springer: Sinnvolle, gute Beziehungen zu Moskau sind selbstverständlich dringend nötig. Aber man darf nicht vergessen, daß der derzeitige sowjetische Botschafter in Bonn in der Vergangenheit schon mehrfach erklärt hat, die Integration Berlins, der ganzen Stadt, in den Machtbereich des Ostens sei nur eine Frage der Zeit, dies sei ein logischer Prozeß der Geschichte ... Als Deutscher habe ich gelernt, Erklärungen totalitärer Staaten viel Aufmerksamkeit zu schenken. Dort wird immer und sehr laut über die wirklichen Ziele geredet. Allzu viele Leute wollen es nur nicht glauben. Die New York Times, ein Blatt, das die Entwicklungen in Berlin genauestens beobachtet, schrieb kürzlich, daß die Berliner Probleme im Rahmen einer größeren Politik zwischen Ost und West scheinbar minimal seien, daß es aber dennoch entscheidende Fragen seien, von denen das Überleben eines freien Europa abhinge. Und daß der Herr Bundeskanzler gegenüber Breschnjew auf klaren Berlin-Garantien hätte bestehen müssen. Ich bin in diesem Punkt völlig einer Meinung mit der New York Times.

L'Express: Warum dieses Haus Springer im Herzen Berlins, warum diese Leidenschaft und dieses Risiko, warum sind Sie nach Berlin gekommen?

Axel Springer: Ich bin kein geborener Berliner, ich bin es inzwischen geworden. Als die Situation Berlins dramatisch wurde, am Vorabend dessen, was man "die zweite Berlin-Krise" genannt hat, während des sogenannten Chruschtschow-Ultimatums, bin ich hierhergekommen. Ich habe das gegen den Rat meiner Mitarbeiter getan. Und ich habe es getan, total, ohne Vorbehalt und für immer, aus einem einzigen Grund: Die Unabhängigkeit dieser Stadt ist lebenswichtig für die Zukunft des gesamten Westens, für die Zukunft jeder freien Gesellschaft in Europa, vielleicht in der Welt. Das Leben Berlins, das ist das Zeichen. Und dieses Zeichen war vor zwanzig Jahren vom Tode bedroht; so wie es auch heute, auf andere Art, Gefahr läuft, bedroht zu werden. Man täusche sich nicht.

Nachdem ich 1961 meine Entscheidung getroffen hatte, trotz der Mauer weiterzubauen, schrieb Willy Brandt mir einen Brief: "Lieber Herr Springer, ich wollte Ihnen auf diesem Wege nur ein Wort meiner persönlichen und amtlichen Freude über Ihre Pläne in Berlin sagen. Sie werden sicher nichts dagegen haben, wenn wir Sie als ein Beispiel deutscher Investitionen in Berlin bezeichnen werden." So war zu jener Zeit das Klima.

Ich möchte deutlich sagen, daß ich während langer Jahre meines Lebens der Sozialdemokratischen Partei nähergestanden habe als jeder anderen Partei.

Meine Beziehungen zum nationalsozialistischen Deutschland waren sehr gestört. Ich strebte nach dem freien Wort. Ich träumte von der Freiheit des Ausdrucks. Dabei mußte ich mich beugen wie jeder andere auch. Die Hakenkreuzfahne wehte über jeder Stadt meines Landes und sehr schnell über Europa; und trotzdem baute ich im Traum das Verlagshaus, das ich eines Tages zu gründen hoffte. Die Briefe, die ich in jener düsteren Zeit meinen Freunden schrieb, waren immer unterschrieben: Dein "Mammut-Verleger" Axel Springer.

Nach dem nazistischen Alptraum waren es berühmte Sozialdemokraten, Ernst Reuter und andere, die mich mit Deutschland wieder versöhnt haben. Weil ich durch ihre Schule gegangen bin, konnte ich wieder ein Deutscher werden. Und darum bin ich auch später nach Berlin gegangen, als die Sache "schlecht lief", obwohl ich kein Berliner bin: Hier liegt Deutschland Herz.

Vor der Einweihung dieses Gebäudes hier in Berlin habe ich den mit mir befreundeten Oberbürgermeister von Jerusalem, Teddy Kollek, besucht. Er hat mich auf die Zinne über seinem Büro geführt. Dort hat er mir gesagt; man müsse im Falle einer künftigen Wiedervereinigung von Jerusalem so nahe wie möglich an der berüchtigten Trennmauer bleiben und bauen. Ich habe ihm geantwortet: "Wem sagen Sie das!"

Übrigens war einer der eindrucksvollsten Augenblicke, die ich je erlebt habe, direkt nach dem Sechs-Tage-Krieg ein Rundgang um 5 Uhr morgens mit Teddy Kollek durch den arabischen Teil von Jerusalem. Danach war ich derartig bewegt, daß ich zwei Stunden lang kein Wort sprechen konnte. Anschließend an diesen Besuch habe ich auf Bitten israelischer Freunde den Vatikan aufgesucht, um für die Sache der Wiedervereinigung von Jerusalem zu plädieren – etwas recht Ungewöhnliches für einen Deutschen, der außerdem Protestant ist. Aber für mich sind seit damals diese beiden geweihten Städte schicksalhaft verbunden: Berlin und Jerusalem. (…)

L'Express: Nehmen wir an, Sie seien für Berlin verantwortlich. Was würden Sie tun?

Axel Springer: Wenn ich für Berlin Verantwortung mitzutragen hätte, würde ich Sie und alle bitten, mitzuhelfen, daß jedes Unternehmen in der freien Welt begreift, daß es sein höchstes Anliegen sein müßte, hier in Berlin beizusteuern, daß die Ausstrahlungskraft des freien Berlins nicht verblaßt.

Wenn wir alle es wollen, ist und bleibt Berlin die Hauptstadt des moralischen Weltbildes, an das ich glaube und das allein das Überleben in einem menschenwürdigen Rahmen ermöglicht.

L'Express: Haben Sie einen Hang zur Macht?

Axel Springer: Nein. Im Grunde hasse ich die Macht. Sie fördert die Korruption. Man muß mit der Macht sehr vorsichtig umgehen. Wenn überhaupt, muß sie mit Moral gekoppelt sein.

L'Express: Die Regeln der Moral sind nicht für alle gleich. Die Gemeinsamkeit nimmt mehr und mehr ab. Sind Sie Optimist?

Axel Springer: Ja. Ich hoffe, ein vernünftiger Optimist zu sein. Man wird sehen.

Wichtig ist mir, daß Leben in diese Stadt gebracht wird. Es ist sehr schön, Berliner zu sein, aber gleichzeitig ist es sehr anstrengend und belastend.

Ich erlaube mir in diesem Zusammenhang ein Urteil über Frankreich, obgleich ich es wenig kenne. Dort ist alles sehr stark in Paris zentralisiert, während wir in Deutschland in das gegenteilige Extrem verfallen sind. Wir besitzen eben keine Hauptstadt, die die Funktion der Kräftezusammenfassung, der Synthese erfüllt.

L'Express: Vielleicht wird man sich arrangieren können?

Axel Springer: Das ist es. Man muß die gute Mitte finden. Ich sage immer, ich bin ein "Radikaler der Mitte". Deutschland, vor allem Deutschland, muß sich vor Extremen hüten. Und das Ziel Berlins sollte es nicht so sehr sein, wieder Reichshauptstadt zu werden, sondern ein Lebenszentrum, eine Hoffnung, die Stadt Europas im besten Sinne des Wortes. Dann wird es nach bestandener Prüfung eines Tages das Herz Europas sein.