Viel Lärm um ein Zeitungshaus




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Viel Lärm um ein Zeitungshaus

Auszüge aus der programmatischen Rede, die Axel Springer am 26. Oktober 1967 vor Mitgliedern des Hamburger Übersee Clubs hielt.

Ehe ich auf die Entwicklung meines Unternehmens zu sprechen komme, erlauben Sie mir eine grundsätzliche Vorbemerkung.

Mein Haus geriet zuallererst dadurch in das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit, daß es sich dem allgemeinen Trend zu wirtschaftlichen Großformationen angeschlossen hat. Wir beobachten auch in Deutschland seit Mitte der 50er Jahre, daß sich in allen Bereichen der Wirtschaft Unternehmen zusammenschließen, um ihren vielfältigen Aufgaben gerecht zu werden. Riesenhafte Wirtschaftsgebilde sind entstanden – in der Automobilindustrie, in der chemischen Industrie, in der Stahlindustrie. Diese Entwicklung wird allgemein als notwendig angesehen. Es wird ihr zuerkannt, daß sie Wohlstand und Fortschritt fördert, ja, daß ohne Konzentration die wirtschaftlichen und sozialen Ziele unserer Gesellschaftsform nicht erreicht werden könnten.

Ich bin Mitglied des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, aber ich gehöre auch einem Freundeskreis internationaler Verleger an, und innerhalb dieses Kreises vertrete ich, man kann das ruhig so ausdrücken, einen gesunden, mittelständischen Betrieb. Ich darf Ihnen sagen, daß Überlegungen, wie sie in der Bundesrepublik Deutschland im Hinblick auf Großunternehmen der Presse vorgebracht werden, in diesem internationalen Kreis auf schlichtes Unverständnis, ja, auf ein lautes Lachen stoßen.

Dort weiß man z. B., daß auch die Zeitungen vor einer technischen Revolution stehen, die bei neuartigen Druckverfahren beginnt, die Ausstattung der Redaktion und der Produktion mit elektronischen Anlagen einschließt und mit höchster Wahrscheinlichkeit zu Nachrichtensatelliten führt. Zu der größten Herausforderung gehört der Zwang zur Farbe, stimuliert durch das Farbfernsehen. Ich weiß gar nicht, ob selbst mein Haus finanzkräftig genug ist, um all diesen Anforderungen gerecht zu werden.

Viele Gründe sprechen jedenfalls dafür, daß wir auch in der deutschen Presse zu größeren Unternehmensgebilden gelangen müssen. Tun wir das nicht, werden es ausländische Unternehmen tun, die schon heute auch in meiner Branche mit Macht auf den deutschen Markt drängen.

Aber jetzt ein paar Worte zum Verlagshaus Axel Springer, besser zunächst einmal zu mir selbst. Ich bin heute 55 Jahre alt, gelernter Setzer, Drucker, Redakteur in kleineren und mittleren Redaktionen und Nachrichtenbüros; ich habe den Buchhandel gelernt, stamme aus einem alten kleinen Zeitungshaus, ich habe immerhin 35 Berufsjahre auf dem Buckel, und ich verstehe vielleicht deshalb etwas von meinem Fach. Aber dies ist wichtiger: In Deutschland gibt es heute noch etwa 160 Zeitungen mit Vollredaktionen. Viele davon geben Nebenausgaben oder Kopfblätter heraus. Das ergibt etwa 1500 Zeitungstitel. Von diesen insgesamt 160 selbständigen Zeitungen gehören zu meiner Verlagsgruppe fünf, oder, wenn Sie die Sonntagsblätter hinzurechnen, sieben.

Mein Kollege, Lord Thomson of Fleet, hat seine Unternehmungen auf 131 Tageszeitungen ausgedehnt. Die Zeitungen meines Freundes Cecil King in England haben Millionen-Auflagen, die unsere Auflagen in den Schatten stellen, und außerdem gibt dieser Konzern mehr als 200 Zeitschriften heraus. Fünf bzw. sieben von 160 Zeitungen also erscheinen in meinem Verlag. Aber die Auflagen! höre ich als Argument auf die Feststellung, daß zahlenmäßig nur 4 Prozent der deutschen Zeitungstitel von uns herausgegeben werden. Erlauben Sie mir jetzt die Frage: Wie sind diese Auflagen zustande gekommen? Ich stelle fest: Weder der Staat noch irgendeine andere übergeordnete Instanz hat uns diese Auflagen geschenkt, und ebenso garantiert uns kein Mensch, keine Institution, keine Organisation Tag für Tag diese Auflagen.

Im Gegenteil: Jeden Tag, jeden Monat findet am Kiosk und an der Haustür eine Art demokratischer Abstimmung in Deutschland statt, ob die Leser diese Zeitungen kaufen wollen oder nicht. Alle Leute haben die Möglichkeit, eine andere Zeitung zu lesen. Wer die Welt nicht will, kann zum Beispiel die Frankfurter Allgemeine lesen, wer die Bild-Zeitung nicht will, kann hier in Hamburg die Morgenpost lesen.

Will man mir wirklich zumuten, daß ich in die Redaktionen gehe und sage, meine Herren, machen Sie bitte etwas schlechtere Zeitungen; oder daß ich den Verlagsabteilungen sage, sie sollten die Dinge schleifen lassen; oder daß ich den Setzern sage, setzen Sie schlechter, oder den Druckern, drucken Sie weniger gut und langsamer. Will man mir wirklich zumuten, daß ich mich dazwischenwerfe und meine Mitarbeiter davon überzeuge, daß Erfolg schädlich sei?

Im übrigen bleibt es jedem überlassen, zu Neugründungen zu schreiten. Man kann selbstverständlich auch heute noch neue Zeitungen und Zeitschriften starten. Ich bin mir darüber im klaren, daß viele Leute es nur deshalb unterlassen, weil die Renditen aus Zeitungshäusern im allgemeinen wesentlich weniger interessant sind als die in anderen Bereichen. Das Geld für Neugründungen wäre zweifellos vorhanden; nicht vorhanden ist offensichtlich der Wille, es für solche Zwecke einzusetzen.

Auf die Frage, die mir einmal gestellt wurde, warum unser Haus eigentlich so groß sei, habe ich geantwortet: "Die Größe des Springer-Hauses ist nicht die Folge einer Monopolstellung, sondern die Folge unendlichen Bemühens, des Fleißes und der Tüchtigkeit seiner vielen Mitarbeiter und möglicherweise eines Glücks, das wir vielleicht nicht verdient haben."

Wie sehr aber jeder Zeitungserfolg unseres Hauses hart umkämpft und nicht geschenkt war, zeigt ein Blick auf die Verlagsgeschichte.

Obwohl ich darauf brannte, nach Kriegsende eine Tageszeitung herauszugeben, gehörte ich, der ich damals 33 Jahre alt war, doch nicht zu denen, die von der englischen Besatzungsmacht eine Zeitungslizenz erhielten. Die Engländer lizenzierten nur parteigebundene Tageszeitungen, und das widersprach meiner Wunschvorstellung. Erst als die Lizenzierung in deutsche Hände überging, erhielt ich die Genehmigung zur Herausgabe einer überparteilichen Tageszeitung und bekam kurz nach der Währungsreform die Lizenz, die erste von deutschen Behörden gegebene Zeitungslizenz aus der Hand meines verehrten Freundes Max Brauer. Diese Zeitung war das Hamburger Abendblatt.

Damals schrieb einer in Hamburg warnend: "In absolut hoffnungsloser Position hat ein Sterngucker den Mut gefaßt, hier in Hamburg eine neue Zeitung zu starten. Es wird für die betroffenen Arbeitnehmer ein böses Erwachen geben. Diese Zeitung wird in die gesättigte Zeitungslandschaft hinein nicht mehr erfolgreich operieren können."

In der Tat erschienen in Hamburg schon sechs fest eingeführte Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von 680000 Exemplaren. Vielleicht darf ich sie Ihnen ins Gedächtnis rufen; es waren das Hamburger Echo, die Hamburger Allgemeine Zeitung, die Hamburger Freie Presse, die Hamburger Volkszeitung, die Niederdeutsche Zeitung und Die Welt.

In der Pferdesport-Stadt Hamburg kann ich dazu wohl sagen: Wir starteten aus dem allerletzten Band. Aber am Ende des Jahres 1948 schon hatte das Hamburger Abendblatt eine Auflage von mehr als 100000 erreicht, ein Jahr später war es die größte Zeitung in Hamburg und kurz darauf wurde es die auflagenstärkste deutsche Lokalzeitung überhaupt. Der Sterngucker hatte richtig gesehen.

Da der Erfolg die Mühe um das Hamburger Abendblatt belohnte, hätte es nahegelegen, mit dem Erreichten zufrieden zu sein, gewissermaßen auf den Lorbeeren auszuruhen. Ich glaube, mein sehr geschätzter Kollege Heinrich Braune war es, der mir die Augen öffnete für den nächsten Schritt, den unser Haus tat. Zuerst hatte ich die 10-Pfennig-Hamburger Morgenpost, ebenso wie das "Abendblatt" eine Neugründung nach der Währungsreform, kaum zur Kenntnis genommen. Aber Heinrich Braunes Morgenpost fiel mir durch ihre steigende Auflage immer wieder auf und schließlich auch auf die Nerven.

Ich sah mich um, in England, Skandinavien, in Amerika, und ich erkannte, daß im Zeitalter der Massen auch die Publikationsmittel für das große Publikum anders gestaltet werden müssen als in früheren Jahrzehnten. Aus solchen Gedankengängen entstand die Bild-Zeitung, die zwar hier in Hamburg aus der Taufe gehoben wurde, aber von Anfang an als Zeitung eines völlig neuen Typs für ganz Deutschland gedacht war. Den Erfolg kennen Sie.

Wieder darf ich Sie fragen: Wer hat uns diesen Erfolg zugeschanzt? Und wer garantiert ihn uns? Niemand natürlich. Wir hatten eine Konzeption, einen Plan, und dann wurde von allen Beteiligten mit Fleiß, Hingabe und Einfallsreichtum gearbeitet.

Unser Erfolg hat noch nicht einmal anderen geschadet. Im Gegenteil. In den Jahren, seit es die Bild-Zeitung gibt, hat sich auch die Auflage der Hamburger Morgenpost vervielfacht. Und auch wenn Sie Ihren Blick einmal auf eine ganz andere Zeitungslandschaft werfen, nach München und Nürnberg, so werden Sie sehen, daß die damals getrennt erscheinenden Boulevard-Blätter 8-Uhr-Blatt und Abendzeitung, die heute zusammengelegt herauskommen, jetzt eine Auflage haben, die dreimal so hoch ist wie die damalige; und daneben hat natürlich die Bild-Zeitung in Nürnberg und in München auch einen Erfolg. Es gibt eben heute in allen Großstädten Deutschlands eine größere Zeitungsdichte, d. h. mehr Zeitungen pro Leser als früher. Die Bild-Zeitung, die man oft als den Ruin der deutschen Presse bezeichnet, hat genau das Gegenteil bewirkt. Sie hat belebend auch auf die Provinzpresse ausgestrahlt.

Karl Andreas Voss war mein Partner, als mir die Engländer 1953 den von ihnen selbst geschaffenen Zeitungsverlag Die Welt verkauften. Die Welt war ursprünglich ein Objekt mit einer Millionenauflage. Nach der Währungsreform sackte die Auflage ab. Als man uns die Zeitung anbot, betrug die verkaufte Auflage noch 170000 Exemplare. Mit dem Erwerb des Verlagshauses Die Welt hat sich unser Haus also keinesfalls ein blühendes Objekt eingehandelt. Mit dem Erwerb der Welt, die jetzt den Untertitel "Unabhängige Tageszeitung für Deutschland" bekam, ging aber einer meiner verlegerischen Träume in Erfüllung. Schon seit dem Jahre 1946 gab es eine Berliner Ausgabe der Welt. Da ich damals wie heute die Aufgabe, Berlin zu stützen, als wichtigste Investition in die deutsche Zukunft ansehe, war ich natürlich glücklich, nun selbst meinen Teil dazu beitragen zu können.

Die Berliner Ausgabe der Welt war von Anfang an ein nicht unwesentliches Verlustgeschäft gewesen. Sie ist es bis heute geblieben, besonders, da wir es aus Rücksicht auf die anderen Berliner Zeitungen ablehnen, dort lokale Anzeigen aufzunehmen. Diese Rücksichtnahme verhindert einen wirtschaftlichen Erfolg.

Ich war also dadurch, daß die "Welt" zu uns kam, nicht mehr nur ein Hamburger Verleger, ich war auch ein Berliner Zeitungsverleger geworden. Das Haus in Berlin – auf 400 Meter verläuft unsere Grundstücksgrenze entlang der Mauer Ulbrichts – wurde im Oktober 1966 seiner Bestimmung übergeben; und der Vorwurf, all das hätten wir nur getan, um uns die günstigen Berliner Abschreibungen zu sichern, ist so dumm, daß ich mich damit nicht befassen will, besonders nicht vor einem Gremium, das genau weiß, daß Berlin-Abschreibungen nur Starthilfen sind und daß die Rechnung hinterher beglichen werden muß. Das tun wir in Berlin heute schon. Nichtsdestoweniger ist das Abschreibungsgerede weiterhin ein probates Mittel der Verleumdungskampagnen gegen uns. Ich kann nur sagen: Ach, kämen doch, durch die Abschreibungen angelockt, hunderte von Unternehmungen nach Berlin, um entlang der Mauer große Häuser zu errichten!

Dieses Haus, das meinen Namen trägt, steht weder links noch rechts. Eine einzige politische Grundhaltung setzen wir bei allen journalistischen Mitarbeitern unseres Hauses voraus. Unser Haus ist staatsloyal, und so sollen auch die Kräfte sein, die in ihm wirken. Hat sich etwas in unserem Unternehmen konzentriert, dann der Wille zu einer auf den Grundlagen der Verfassung ruhenden Staatsbejahung. Es ist Staatsloyalität – nicht Regierungsloyalität. Die Demokratie, in der wir leben, hat immerhin 59 Millionen Menschen nach dem heillos verlorenen Krieg nicht nur Brot und Arbeit gegeben, sondern einen Lebensstandard, wie ihn nur ganz wenige Völker in der Welt erreicht haben. Und sie hat diesen Menschen bürgerliche Freiheiten gebracht, die zwar nicht den Vorstellungen fanatischer Puristen in der Politik genügen, aber sich dennoch in der ganzen Welt sehen lassen können. Wenn wir je hoffen dürfen, daß zu diesen 59 Millionen Menschen auch die 17 Millionen hinzukommen, die jetzt in Mitteldeutschland im Stand stalinistischer Unfreiheit leben, so ist dafür die Erhaltung des Wohlstandes und der Freiheiten in der Bundesrepublik eine der wesentlichsten Voraussetzungen.

In der Bundesrepublik vertreten unsere Blätter in verschiedenen Schattierungen die breite konservative Mitte. Konservativ verstehen wir hier in dem Sinn, daß der Erhaltung des Wohlstandes und der bürgerlichen Freiheiten gedient wird und daß vom Bestehenden ausgehend alle friedlichen Wege verfolgt werden, die der Einheit Deutschlands dienen können. Diese Ziele sind legitim, die Mittel, an die gedacht wird, sind friedlich, die Hoffnungen und Wünsche, die die Zeitungen unseres Hauses unterstützen, sagen jeder Maßlosigkeit ab. Außenpolitisch stehen wir zum Westen – zu Europa, zur atlantischen Allianz. Diesen Kurs halten wir nicht nur für richtig, sondern auch für ehrenvoll. Er ist – dem Geschrei unserer Gegner zum Trotz – auch viel vernünftiger als das Gerede von der Reform, die nicht Reform meint, sondern totale Veränderung. Keiner der Apostel dieser Reform – und sie alle sind die schärfsten Kritiker meines Hauses – kann uns sagen, wohin er das Schiff zu steuern gedenkt. Wenn ich mir ansehe, wie von rechts und von links auch wieder in merkwürdigem Einklang auf die Bundesrepublik und ihre Institutionen eingeschlagen wird, so stellt sich die Frage, ob wir vielleicht noch einmal die Folgen einer unheilvollen Allianz über uns ergehen lassen sollen, wie sie die KPD und NSDAP vor 1933 gegen die Weimarer Republik eingegangen sind.

Ich sprach von der propagandistischen Einstimmigkeit zwischen den linken und rechten Todfeinden der deutschen Demokratie, und wenn ich die Übereinstimmung in den Angriffen auf mein Haus sehe, zwischen den Attacken des Neuen Deutschland und seiner Anhänger im Westen einerseits und der National- und Soldatenzeitung und dem Parteiblatt der NPD andererseits, dann weiß ich auch, daß für diese Kräfte mein Verlag, mein Name, meine Person nur Symbol sind für die den extrem Rechten und extrem Linken gleichermaßen verhaßte Gesellschaftsordnung, die wir uns im freien Teil Deutschlands geschaffen haben.

Ich sprach von der Loyalität zu unserem Staat – nicht zu einer Partei, einer Gruppe, einer Institution, einer Clique oder einer Person. Gibt es darüber hinaus noch allgemeinverbindliche Richtlinien? Gibt es vor allem die zentrale ideologische Lenkung?

Lassen Sie mich den letzten Teil der Frage zuerst beantworten. Die Zentrale Führungsstelle gibt es nicht; einmal, weil dies meiner persönlichen Auffassung von der Leitung eines Zeitungshauses widerspricht, zum zweiten, weil sich unabhängige Journalisten, die diesen Namen verdienen, eine solche Gängelung nicht gefallen lassen würden, und drittens, weil das schon aus organisatorischen und technischen Gründen nicht möglich wäre.

Es gibt bei uns eine Reihe von Gremien, in denen wir grundsätzliche Fragen besprechen, beraten. Einen Super-Chefredakteur gibt es nicht, wird es nicht geben. Ich bin es auch nicht. Richtlinien allerdings gibt es oder besser Pflöcke, die gesteckt sind, zwischen denen sich die journalistische Individualität und das fachliche Können unserer Redakteure, Reporter, Leitartikler und Korrespondenten entfalten kann. Vier Grundsätze sind es:

  1. das unbedingte Eintreten für die friedliche Wiederherstellung der deutschen Einheit in Freiheit;
  2. die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen; dazu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes;
  3. die Ablehnung jeglicher Art von politischem Extremismus;
  4. die Bejahung der freien sozialen Marktwirtschaft.

Innerhalb dieser vier Grenzpflöcke einer toleranten Weltanschauung steht es jedem Cheredakteur des Hauses frei, sein Blatt so zu gestalten, wie er es in Zusammenarbeit mit seinen Redakteuren für richtig hält. Lassen Sie mich jedoch zu den vier Grundsätzen noch ein paar Worte sagen: Die Wiedervereinigung ist für mich nicht irgendein mythisches oder gar nationalistisches Ziel. Mir geht es ganz einfach darum, daß wir nicht noch einmal schuldig werden dürfen, indem wir ein zweites Mal die Augen verschließen vor dem Unrecht, das einem Teil der Unsrigen angetan wird.

Die Aussöhnung mit den Juden ist ein Ziel, das in unserer Generation wohl nicht ganz erreicht werden kann. Da es ein deutsches Judentum heute so gut wie nicht mehr gibt, glaube ich, daß es unsere Pflicht ist, alle nur möglichen Anstrengungen zur Unterstützung des Staates Israel zu machen. Dies würde ich auch dann fordern, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, daß eine pro-israelische Politik weltweit Deutschland mehr moralischen Kredit einbringen kann als fast alles andere.

Meine Absage an jede Art von Totalitarismus brauche ich wohl kaum zu begründen. Mit Faschisten hatte und habe ich nichts gemein. Aber ich kann mich nur an den Kopf fassen, wenn ich ernstzunehmende Leute sagen höre, man müsse, wenn man die Wahl habe zwischen Kommunismus und Faschismus, den ersteren vorziehen, weil er auf dem Fundament der Humanität aufbaue. Ich kann nur hoffen, daß die "appeaser" von heute nicht ebensoviel Unheil anrichten werden wir ihre Vorgänger vor drei Jahrzehnten.

Und wenn ich schließlich als letzten unserer Grundsätze die Erhaltung der sozialen Marktwirtschaft bezeichnete, so nicht deshalb, weil ich unter diesem System Erfolg gehabt habe, sondern weil es mir als das fairste erscheint, das ich kenne, ein System, in dem jeder maximale Chancen hat. Den Idealstaat gibt es nicht und auch nicht die ideale Wirtschaftsordnung. Aber daß die freie soziale Marktwirtschaft optimal ist, davon bin ich überzeugt. Nur Narren oder Utopisten können bereit sein, sie gegen erwiesenermaßen schlechtere, weniger effektive Systeme auszutauschen.

Die erwähnten vier Grundsätze bestimmen unseren Standort, mehr nicht. Ich habe bei der Einweihung des Berliner Hauses gesagt, daß Zeitungen zwar an der Politik teilhaben, aber nicht Politik machen sollen. Zeitungen, so sagte ich, haben die Politik zu begleiten, sie zu erklären, sie zu kritisieren, sie zu fördern. Sie haben eine Meinung zu haben, die der einzelne mag oder nicht mag. Aber Zeitungen dürfen nicht die Politik ersetzen wollen. Dies würde zur Zersetzung der Politik führen.

Gewiß muß ich, wie jeder Verleger, den Einwand gelten lassen, daß Zeitungen zuweilen sündigen, Fehler machen. Aber das ist, bei uns wenigstens, stets nur eine Folge journalistischen Übereifers, aber auf keinen Fall politischen Ehrgeizes oder gar politischer Ranküne.

Die staatsloyale, gefährlichen Experimenten abholde Haltung der Zeitung meines Hauses muß nun allerdings ganz zwangsläufig diejenigen auf die Barrikaden bringen, deren Geschrei von Monat zu Monat lauter tönt.

Wir werden angegriffen, weil wir einer Politik im Wege stehen, die ich je nach ihrer Zielrichtung als Sozialisierungs- oder Anerkennungspolitik bezeichnen möchte. Sehr oft kommt logischerweise beides zusammen. Eine Deutung der Angriffe auf uns gab vor einigen Tagen Herbert Kremp, der Chefredakteur der »Rheinischen Post«, einer der großen deutschen Regionalzeitungen. Er meint: "In manchen Kreisen, die glauben, das Gewissen der Nation zu repräsentieren, spukt der uneingestandene Trieb nach einem Buhmann, der einmal Adenauer heißt, das andere Mal Wehner, gestern Franz Josef Strauß und heute Axel Springer. Da der Anti-Kommunismus die Geister nicht mehr zu binden versteht, da der Anti-Nationalsozialismus seinen Gegenstand verloren hat, muß ein anderes Anti her – eine negative Symbolfigur ... Springers festes, aber keineswegs überforciertes Eintreten für die Wiedervereinigung, seine feste, aber keineswegs übersteigerte Ablehnung des kommunistischen Systems in der Zone genügen heute offenbar schon, um Haß-, Boykott- und Enteignungsparolen gegen ihn zu formulieren. Dabei ist die Person und das Haus Springer gar nicht entscheidend. Daß es den Hamburger Verleger 'trifft', ist mehr Zufall als Absicht. Die Ursache der schäumenden Haßausbrüche liegt nicht in skandalösen, gesellschaftlichen oder politischen Mißständen, sondern in einem seelischen Gärprozeß, einem Stau von Aggressionen, dessen medizinische Behandlung angezeigt erscheint."

Am 6. Oktober 1966 erlebten meine Mitarbeiter und ich den Höhepunkt unserer Arbeit mit der Einweihung unseres Hauses in Berlin. Wir wurden gefeiert von allen Parteien, wir wurden dekoriert. Es gab viele gute Worte. Selbst in Amerika wurden wir ausgezeichnet. Die SPD, die CDU gratulierten, und man sagte, daß wir ganz vorzügliche Leute seien. Ich stelle fest: Der Verlag ist inzwischen nicht größer geworden, wir haben uns auch nicht geändert; und trotzdem, plötzlich ist diese Kampagne gegen uns in Gang gekommen! Ich kann nur sagen, da muß ja wohl einer dran gedreht haben. Ich weiß zuverlässig, daß zum ersten Mal die Parole "Enteignet Springer" jenseits der Mauer geäußert wurde.

Es war am 21. April 1966 aus Anlaß des 20. Gründungstages der SED. Ulbricht sprach damals davon, daß der in jenen Tagen diskutierte Meinungsaustausch zwischen seiner Partei und der SPD den Auftakt bilden sollte zu einem konföderativen Vereinbarungssystem zwischen der Zone und der Bundesrepublik. In ihrem Bericht über die Rede Ulbrichts schrieb damals die Neue Zürcher Zeitung: "Der Pferdefuß des Angebotes' kam in der Erklärung zum Vorschein, daß in der Übergangsphase der 'Konföderation' die Machtstruktur und die außenpolitische Stellung der Bundesrepublik schrittweise verändert werden müßten durch Abrüstung, Verstaatlichung der Konzerne, Entmachtung des Hauses Axel Springer, Bodenreform und Umbau des Schul- und Bildungswesens."

Ich stelle fest: Die Parole von der Enteignung stammt von drüben; sie ist allerdings dann hier von merkwürdig vielen Gruppen aufgenommen worden, über deren Zusammenhänge, Hintermänner und Finanzierung eines Tages noch öffentlich zu sprechen sein wird.

Eine Selbstdarstellung meines Hauses wäre nicht vollständig, ginge ich nicht auch, wenn auch nur ganz kurz, auf die Frage "Springer-Fernsehen" ein. Fast alles, was darüber geschrieben wurde, ist falsch, sollte der Stimmungsmache dienen. Die Wahrheit ist: Wir haben eine private Fernsehanstalt angestrebt, die die Funktionen des Zweiten Fernsehens hätte übernehmen können. Gedacht war an eine genossenschaftliche Gemeinschaftsveranstaltung aller deutschen Zeitungsverleger.

Anders als in anderen Ländern sollten die Gewinne der damals vorgesehenen privaten Fernsehanstalt nicht einigen wenigen Anteilseignern zufließen, sondern allen deutschen Zeitungsverlegern, um diesen die Mittel zur Modernisierung ihrer Druckereien in die Hand zu geben. Das war der Kern des Planes, der übrigens nicht von mir, sondern von zwei prominenten Politikern der beiden großen Parteien stammte.

Die deutschen Zeitungsverleger wollten lediglich erreichen, was Premierminister Wilson jetzt für die englischen überregionalen Zeitungsverleger erwirkt hat. Sie sind alle am dortigen privaten Fernsehen beteiligt.

Über vieles, was gesagt und geschrieben wurde, ist inzwischen Gras gewachsen, wird weiter Gras wachsen. Ich hoffe sehr, daß jetzt eine Periode der Versachlichung der Gespräche zwischen den Verlegern und den Repräsentanten des Fernsehens beginnt. Daß es keinem Verleger erlaubt sein darf, das Phänomen Television je zu vergessen, dafür ist der geniale alte Mann der "Radio Corporation of America", General David Sarnoff, der beste Kronzeuge. Er sprach davon, daß es schon in naher Zukunft zwangsläufig zu einer "Hochzeit zwischen der Zeitungs- und der Rundfunktechnik" kommen müsse.

(...)