Warum baue ich in Berlin?




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Warum baue ich in Berlin?

Gesendet im RIAS am 6. Mai 1959

Sie fragen, warum ich in Berlin baue? Meine Antwort darauf ist einfach: Ich glaube an Deutschland. Nicht an jenes Deutschland, das in einigen wenigen bundesrepublikanischen Köpfen in Mode gekommen zu sein schien und das man schlicht ein separatistisches Deutschland nennen könnte. Sondern an ein Deutschland mit der Hauptstadt Berlin. Aber ich glaube nicht nur an dieses Deutschland, sondern ich will es eben auch. Und deshalb baue ich in Berlin.

Ich würde in Berlin nicht bauen, um den bereits vorhandenen Berliner Druck- und Zeitungsmarkt zu stören. Mein Markt ist groß genug, und ich habe alles Interesse daran, daß die Berliner Kollegen mit der wachsten Leserschaft, die es in Deutschland gibt, geschützt und gestützt werden.

Ich würde ferner in Berlin nicht bauen, weil man etwa als Mann der Wirtschaft in der Baisse einsteigen und ein Risiko eingehen soll. Für mich ist Berlin weder in der Krise noch in der Baisse, sondern mitten auf dem Wege zur Weltstadt. Ist eine Stadt jemals so in aller Munde gewesen und zu einem Weltproblem geworden wie das heutige Berlin? Ist es überhaupt schon einmal der Fall gewesen, dass die Bürger der halben Welt Tausende von Kilometern entfernt um eine Stadt kämpfen, in der sich zugleich deren eigenes Schicksal entscheidet? Und wo soll eigentlich das Risiko in Berlin liegen? Wenn etwas Schlimmes in Berlin geschehen sollte, so wird es wenig später auch in München, Frankfurt, Stuttgart und Hamburg geschehen. Und wiederum wenig später in Brüssel, Paris und Marseille. Auch in London und Manchester, obwohl meine Freunde, die Engländer manchmal zu glauben scheinen, der Kanal bilde noch eine Grenze. Wo also soll das besondere Risiko in Berlin liegen?

Ich würde auch in Berlin nicht bauen, um etwa den Berlinern Mut zu machen. Ich bin oft in dieser Stadt, wo ich auch mein privates Domizil habe, und ich habe immer wieder gefunden, dass sie es sind, die uns Mut machen, und es gibt wohl keinen, der aus dieser Stadt nicht erfrischt und gestärkt zurückkehrt. Nach Westen wie nach Osten.

Das also sind nicht die Gründe, aus denen ich in Berlin baue. Welche Gründe sind es aber dann? Die Antwort ist ganz einfach. Berlin ist nach wie vor der Mittelpunkt und das Herz unseres Volkes. Fast alle meine Zeitungen und Zeitschriften erscheinen heute auf Bundesebene. Sie werden in Hamburg, Essen, Frankfurt, München und auch in Berlin gedruckt. Zeitungen kann man nur von einem Zentrum aus machen. Meine Redakteure leiden darunter, dass sie sich dieses deutsche Zentrum im Schnittpunkt zwischen West und Ost, Nord und Süd täglich suchen und künstlich vor Augen halten müssen, um nicht der Kleinländerei, dem Provinzialismus oder dem geistigen Zigeunertum zu verfallen.

Solange wir die politische Einheit unseres Volkes nicht verwirklicht haben, können wir nur dafür sorgen, dass die geistige Einheit erhalten bleibt und gestärkt wird. Aber auch das geht nicht ohne einen sammelnden Mittelpunkt und einen geographischen Kern. Denken Sie einmal daran, welch ungeheure Schwächung aus der Zersplitterung unserer geistigen Schicht entsteht!

Überall in den Städten der alten und neuen Länder und der früheren Provinzen arbeiten geistige Kreise und Zirkel nebeneinander her. Sie haben wenig Verbindung und Austausch untereinander und entbehren das tägliche Gespräch miteinander und auch die fruchtbare Reibung aneinander, an denen sich neue Ideen erst entzünden können. Diese geistige Zersplitterung stellt heute eine unserer größten Gefahren dar.

Gewiss, das wird sich mit einem Schlage ändern, wenn wir erst die politische Einheit unseres Volkes zurückerrungen haben. Aber dazu gehört Kraft. Und diese Kraft wird nur in dem Masse wachsen können, in dem wir zuvor die geistige Einheit verwirklicht und zustandegebracht haben werden. Da liegt der Hase im Pfeffer!

Mein Betrieb produziert trotz der gewaltigen Technik, die er benötigt, ein geistiges Erzeugnis. Es ist mehr dem Tag und der Masse verbunden als die Arbeiten der Professoren und die Werke der Künstler, aber es wurzelt doch im Erdreich des Geistes. Ich kann nicht die Hände in den Schoss legen und darauf warten, bis man uns irgendwann die politische Einheit unseres Volkes bescheren wird. Ich brauche bereits heute die geistige Einheit unseres Volkes und ich glaube, dass sie die entscheidende Voraussetzung auch für die politische darstellt.

Sehen Sie, das ist der Grund, weshalb ich in Berlin baue. Berlin ist nicht nur die politische Metropole Deutschlands, es ist immer der geistige Mittelpunkt und der Sammelplatz für unsere Intelligenz gewesen. Wenn wir die geistige Schwäche überwinden wollen, die aus unserer heutigen Zersplitterung resultiert, so brauchen wir wieder einen sammelnden Kern, an dem sich Ideen formen und von dem sie ausstrahlen. Ich sehe keinen anderen Punkt in Deutschland, der dazu berufen und geschichtlich legitimiert wäre als die Metropole an der Spree. Deshalb baue ich in Berlin. Es ist nach wie vor die Stadt in Deutschland, die die deutsche Zukunft in ihren Mauern beherbergt.